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Das literarische Werk Adriennes von Speyr
Hans Urs von Balthasar
Original title
Das literarische Werk Adrienneâs von Speyr
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Specifications
Language:
German
Original language:
GermanPublisher:
Saint John PublicationsYear:
2022Type:
Article
Adriennes von Speyr1 Werke entstanden (mit Ausnahme weniger, die sie selber schrieb) als Diktate (seit 1944), zum Teil auch als Betrachtungspunkte in einem Kreis junger Frauen, dem sie vorstand. Das Gesamtwerk umfasst ĂŒber fĂŒnfzehntausend Seiten, wovon das meiste im Johannes Verlag Einsiedeln (der vornehmlich fĂŒr dieses Werk gegrĂŒndet wurde) veröffentlicht sind: so die vier BĂ€nde ĂŒber das Johannesevangelium, zwei ĂŒber die Apokalypse, je einer ĂŒber die Bergpredigt, Epheser und Philipper, ein Marienbuch, ein Buch ĂŒber die Theologie des Gebetes, und eine Anzahl kleinerer Werke ĂŒber Römer 8, die Gestalten des Alten Bundes, ĂŒber Gott als Vater, die Unendlichkeit Gottes, das Geheimnis des Todes, die Pforten des ewigen Lebens (worin die durch Gnade und Offenbarung geschaffenen Ăffnungen der Zeit auf das ewige Leben hin beschrieben sind), eine kleine Aszetik besonders fĂŒr Menschen im Stand der evangelischen RĂ€te, ein Kommentar zu 1 Korinther, zu Kolosser, zur Passion nach MatthĂ€us, zu allen Katholischen Briefen, zu gröĂeren Teilen von Isaias und zu einigen Psalmen, sowie ein Werk ĂŒber Stand und Standeswahl u.a.m.
Diese Werke bereiten den Weg zu den zum Teil schwierigeren Schriften, worin sich gewisse Grundthemen entfalten, die in den erschienenen Schriften erst angedeutet sind, vor allem die Theologie des Karsamstags, des «Abstiegs Christi zur Hölle», die Glaubensgeheimnisse der Passion ĂŒberhaupt, dann die Theologie des BuĂsakraments, das in engster Verbindung mit Kreuz und Descensus gedeutet wird, die Theologie des Fegfeuers, die Theologie der Kirche, der kirchlichen Heiligkeit und ihrer Typologie, die christologischen Voraussetzungen und Fundierung des christlichen Lebens, vor allem des kirchlichen und des RĂ€teâ -â Gehorsams, eine ausfĂŒhrliche Theologie der Geschlechter, eine Typologie der Inspirationsformen in der Heiligen Schrift, endlich BeitrĂ€ge zur TrinitĂ€tslehre und eine weit ausholende Theologie der Mystik.
Um das Gesamtwerk in seiner Vielfalt einigermaĂen zu kennzeichnen, stellen wir dreierlei fest:
1. Es ist von einem Zug zur ObjektivitĂ€t, Inhaltlichkeit, Unpersönlichkeit so sehr durchherrscht, daĂ die Persönlichkeit mit ihrer SpontaneitĂ€t und ihrem Humor nur indirekt durchscheint. Der Mensch ist Diener der göttlichen MajestĂ€t und Liebe; der Christ ist Diener des Wortes Gottes, das Jesus Christus ist. Dienst und Liebe sind eins: sich vergessen in den Auftrag des Geliebten. Diese Haltung erflieĂt aus der des Gottessohnes, die wiederum zurĂŒckweist auf das innertrinitarische Geheimnis. GegenĂŒber der noch immer steigenden Tendenz unter Theologen und Spirituellen, das christliche Leben von der (Tiefenâ -â )Psychologie her anzugehen, zu verstehen, zu verlebendigen, wirkt die Theologie Adriennes von Speyr radikal und fast rabiat antipsychologisch. Wie die Wahrheit, so liegt das Heil und die seelische Gesundheit des Menschen in seiner Hingabe an seinen Auftrag. Sendung ist der Wille Gottes fĂŒr mich, so wie er dreieinig im Himmel geformt, im menschgewordenen Wort Gottes mir urbildlich vorgelebt und persönlichâ -â einmalig zugedacht und zugesprochen wird, in einem Vorgang, der am reinsten in der Wahlâ -â Enscheidung der Exerzitien hervortritt, wo der Betende, der Dienstbereite nie und nimmer sich selbst, seine eigene beste Möglichkeit wĂ€hlt, sondern die ihm angebotene Möglichkeit der Nachfolge. In dieser Annahme der Sendung im marianischen, grundsĂ€tzlich keine Schranken setzenden Jawort ereignet sich die Ăffnung der beschrĂ€nkten IndividualitĂ€t zur katholischen UniversalitĂ€t, liegt die Gnadenchance zur Heiligkeit. Der Geist des Liebenden ist plastisch fĂŒr Gott, weit ĂŒber das naturhaft Vermutbare hinaus; ein Zug der Theologie Adriennes von Speyr ist der, daĂ sie â ââ  im Gegensatz zu den meisten geistlichen Autoren, die die Glaubenswissenschaft in SpiritualitĂ€t verwandeln, die objektive Theologie in affektive (die dann von den zĂŒnftigen Theologen nicht mehr ganz ernst genommen wird) â ââ  konsequent die Glaubenserfahrung in den Dienst der Glaubenserkenntnis stellt. «Cognitio experimentalis Dei» heiĂt konkret auch «cognitio experimentalis Dei in Christo, in Ecclesia», «experimentelle» Christologie und Ekklesiologie, wie es ja der inkarnatorischen Gestalt aller uns geschenkten Gnaden entspricht.
Das allein gibt der Verfasserin die Möglichkeit, mit so sachlichem, «kirchlichem» Ohr das Wort der Schrift zu hören. Vers um Vers wird erlauscht, mit der totalen Aufmerksamkeit einer bis in ihre Tiefe horchenden Seele; nie wird, um ein Wort zu verstehen, ein anderes herangezogen, immer nur das eine, gerade jetzt ertönende ohne Blinzeln und Zerstreuung festgehalten, bis sich die Tiefe, die sich darin mitteilen will, erschlossen und ergossen hat. Jeder Satz ist â ââ  weil Wahrheit Christi oder ĂŒber Christus, weil Inspiration des Heiligen Geistes â ââ  ekklesiologisch, christologisch, trinitarisch. So geht die Auslegung nie in die Horizontale, sie sinkt in das Wort selber ein. Sie ersetzt nirgends das «exaktâ -â wissenschaftliche» Wissen ĂŒber den Bibeltext (ein solches ist bei der Ărztin, die keine theologische oder exegetischen Literatur liest, auch nicht vorauszusetzen oder zu suchen), sie geht eher in der Richtung auf das, was man heute den «umfassenden Sinn» (le sens plĂ©nier) zu nennen pflegt, und was immer auch die Dimension von Altem und Neuem Bund, VerheiĂungssinn und ErfĂŒllungssinn einschlieĂt. Viele Texte wirken als ausgewortete Kontemplation und deshalb als beinah technische PrĂ€parierung des Schriftwortes fĂŒr neue Kontemplation, als «Betrachtungspunkte».
2. Daraus ergibt sich das zweite: Christentum ist wesenhaft Leben Christi in der Kirche, somit Geheimnis BrĂ€utigamâ -â Braut. Das aber erfĂŒllt sich am Kreuz und im Descensus, in jener Gottverlassenheit des Sohnes Gottes, worin er sein Leben bis ins letzte fĂŒr seine Braut und an sie dahingibt und der Neue und ewige Bund sich vollzieht. Das Leiden hat seine kirchliche, seine Nachfolgeâ -â Seite, die Sakramente entspringen alle hier, nicht nur meritorisch, sondern existentiell; was Paulus fĂŒr die Taufe sagt (Röm 6,3 f.), was die Einsetzungsworte fĂŒr die Eucharistie deutlich aussprechen, das zeigt Adrienne von Speyr vor allem auch fĂŒr das BuĂsakrament: der Beichtende nimmt Teil am totalen SĂŒndenbekenntnis des Sohnes am Kreuz vor dem Vater, an der totalen dort vom Vater gespendeten Absolution, aber diese Teilnahme schlieĂt geheimnisvolle Teilnahme auch am Descensus ein. Aus dem Reich des Todes strömt das neue Leben, aus der Verlorenheit das Finden und Gefundenwerden, aus dem Hoffnungslosen die Hoffnung; und in Christus geht die Liebe um der Liebe willen in ihre Selbstentfremdung, wird die Ferne ein Modus der NĂ€he, die Verlassenheit ein Modus der IntimitĂ€t. Kirchliche, christliche Existenz steht in diesem Zirkel: daĂ alle GottnĂ€he, in der wir leben dĂŒrfen, erkauft ist durch die Gottferne am Kreuz und darauf zurĂŒckweist als auf ihren Grund, daĂ aber diese Gottferne selbst nur der Ausdruck der Ă€uĂersten Gottesâ -â Liebe ist, die, die Nacht der SĂŒnde auf sich nehmend, sie in Nacht der Liebe wandeln kann. Auch hier ist wieder die Ebene der Psychologie entscheidend ĂŒberschritten in Theologie. Exemplarisch wird dies deutlich an Maria [vgl. Adrienne von Speyr: Magd des Herrn], aber auch an allen Heiligen, deren kirchliche Sendung ein eigenes Werk behandelt. Unnötig zu sagen, wie sehr diese Gedanken Augâ -â inâ -â Aug stehen zu den Fragen unserer Zeit und Menschheit; eine FĂŒlle von Antwort ist dargeboten und wartet darauf, empfangen, gesichtet und ausgewertet zu werden.
3. Das Christologische ruht ganz auf dem Trinitarischen und muĂ immer daraus erklĂ€rt und darauf zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Die Distanz des Menschen Jesus zum Vater (die die Distanz unserer Menschenâ -â , ja der Form nach unsere SĂŒnderâ -â Existenz zu Gott in sich schlieĂt) offenbart zugleich der Welt die ewige Distanz von Vater und Sohn in der Einigung des Heiligen Geistes. Gott ist Liebe. Adriennes von Speyr Deutungen gehen aus von Johannes, ĂŒber dessen Evangelium sie zu diktieren anfing, und zu dem sie â ââ Â ĂŒber Paulus und alle ĂŒbrigen Hagiographen â ââ  immer wieder zurĂŒckkehrt. Alles, was es in der Welt an menschlichen und christlichen Beziehungen, ZustĂ€nden, Liebeserfahrungen gibt, ist ihr AnlaĂ und Ausgangspunkt, das innergöttliche Leben ein wenig besser zu verstehen. Und weil sie das Trinitarische in allem ahnt, ist sie in jedem Denkschritt vom Jeâ -â gröĂeren der göttlichen Wahrheit durchdrungen. Glaube ist das Anerkennen, daĂ Gottes Wahrheit und Leben jeâ -â gröĂer ist, als was unser Verstand und Leben fassen kann. Deshalb wird immerfort von «Sprengung», «ĂbererfĂŒllung», «Ăberborden», «Ăbersteigen» geredet, von Erkenntnis durch Preisgabe des SchongewuĂten zu neuer Einsicht hin. Diese wogende Dynamik fĂŒhrt das auĂerchristliche «Verstummen» vor dem Unsagbaren» zurĂŒck in seine wahre christliche und biblische Form: in den demĂŒtigen Niederfall vor der jeâ -â gröĂeren Liebe Gottes, der das Wort Gottes nicht ĂŒbersteigt oder aufhebt, sondern im Glauben von seiner Menschengestalt zu seiner Gottgestalt auf Thabor emporgefĂŒhrt wird. Aus dem Trinitarischen deutet die Verfasserin vor allem auch die kirchlichen StĂ€nde der Ehe wie der JungfrĂ€ulichkeit, die in ihrer komplementĂ€ren Eigenstruktur scharf profiliert hervortreten, ohne daĂ die VorzĂŒge der RĂ€te deswegen verdunkelt wĂŒrden.
Nach dem Gesagten wird man es wagen dĂŒrfen, das Werk Adriennes von Speyr, rein in sich selbst und als FĂŒlle genommen, als in der Geschichte der Kirche einzigartig zu bezeichnen. Die Weite der theologischen und heilsgeschichtlichen Ausblicke erinnert irgendwo an die geistige Landschaft Hildegards von Bingen (auch einer Ărztin), die Art der Schriftauslegung kann in manchem an die kontemplative Weise der VĂ€ter (jedoch ohne die gelegentliche WillkĂŒr ihres Allegorismus) gemahnen; doch besteht keine literarische Anlehnung.
Die Gegenwart dieses mitten im Sand unserer Zeit unvermutet aufgeschossenen Baumes hat etwas Unbegreifliches, das in vielfacher Hinsicht beglĂŒckt; es werden FrĂŒchte beinah ohne Zahl gespendet jedem, der eine geringe Anstrengung nicht scheut. Wahre Bereicherung bietet das Werk vor allem auch fĂŒr den Priester, zur ErnĂ€hrung seiner Betrachtung, seiner Predigt, seines ganzen christlichen Lebens. Das literarische Schaffen der Verfasserin steht ganz im Dienst der Kirche; alle gottgeschenkte Einsicht soll Same sein fĂŒr das Leben der Laien in der sĂ€kularisierten modernen Welt.
- Im Originaltext (1957) werden am Anfang einige biographische Angaben angefĂŒhrt: «Ăber Adriennes von Speyr Leben und Persönlichkeit sich ausfĂŒhrlich zu verbreiten, wĂ€re verfrĂŒht; es dĂŒrfen ein paar umriĂhafte Angaben genĂŒgen: geboren 1902 in La Chaux-de-Fonds aus der protestantischen alten Baslerfamilie der von Speyr, verlebte sie mit drei Geschwistern eine sehr intensive Jugend, deren Bilder, ZustĂ€nde und Geschehnisse ihr heute in einem seltenen MaĂ gegenwĂ€rtig geblieben sind. Sie ist ein humorvoller, fröhlicher Mensch; sie liebt Kinder, kein Abstand scheint sie von ihnen zu trennen. FrĂŒh siedelte die Familie nach Basel ĂŒber, wo Adrienne deutsch lernte, das Gymnasium besuchte und nach Krankheitsjahren in Leysin das Medizinstudium begann, das sie mit Begeisterung betrieb. Noch als Studentin heiratete sie den Ordinarius fĂŒr Geschichte an der Basler UniversitĂ€t, Emil DĂŒrr, der 1934 tödlich verunglĂŒckte. Bald darauf schloĂ sie den Ehebund mit Werner Kaegi, ebenfalls Ordinarius fĂŒr Geschichte in Basel, durch seine âčhistorischen Meditationenâș, seine Ăbersetzungen und besonders seine kritische Biographie Jakob Burckhardts bekannt. 1940 konvertierte Adrienne von Speyr, einem von Jugend auf gehegten BedĂŒrfnis folgend; ein Gnadenstrom ergoĂ sich in ihr Leben, das seither von dauernder schwerer Krankheit belastet ist. Die ihr nĂ€herstehen, kennen ihr Wirken im Dienst der Armen, und oft gerade der schwierigsten und undankbarsten âčFĂ€lleâș, wĂ€hrend die Entfernteren sich davon in den veröffentlichten Werken ein Bild machen können.» Eine ausfĂŒhrliche Biographie Adriennes von Speyr sowie eine vollstĂ€ndige Liste ihrer Werke sind auf balthasarspeyr.org verfĂŒgbar.â©
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