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Aus dem Tagebuch
Auswahl und Einleitung von Hans Urs von Balthasar
Egied Van Broeckhoven
Hans Urs von Balthasar
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Ficha técnica
Idioma:
Alemán
Idioma original:
AlemánEditorial:
Saint John PublicationsAño:
2025Tipo:
Antología
Weihnachten 1967 starb mit vierunddreißig Jahren ein junger flämischer Jesuit und Arbeiterpriester in der Fabrik, von Metallplatten erdrückt. Er wird als jovialer, stets gutgelaunter, lebhafter, gemütlicher, unkonventioneller Kamerad geschildert. Er hinterließ ein großes, oft schwer entzifferbares Tagebuch, aus dem eine Auswahl (flämisch und französisch, hrsg. von Georges Neefs SJ., Lumen Vitae/Foyer Notre-Dame, Brüssel 1972) erschien (deutsch, erweitert. Johannesverlag, Einsiedeln, Herbst 1972).
van Broeckhovens Berufung und Botschaft sind erstaunlich einfach und aktuell: vollkommene Durchdringung von trinitarischer Gottesliebe und mitmenschlicher Freundschaftsliebe, als unumgängliche Bedingung für eine Fortdauer des Christentums in der heutigen Welt. Er wiederholt in seiner Existenz die Wahl des Gründers Ignatius: Kartause oder die Straßen der Welt? Er wählt wie dieser: Klausur in der Welt: tiefste Öffnung zum dreieinigen Leben in der tiefsten Offenheit zum mitmenschlichen Du. Die Einflüsse der flämischen Mystik – Ruysbroek, Hadewijch – werden auf die eigene Berufung hin umgeleitet.
Erstaunlich ist die Einheit von mystischer Tiefe (und dem Versuch, sie auch spekulativ auszuwerten) mit nüchtern-entschlossenem Realismus im härtesten Alltag. In der Fabrik wird der geistige Entwurf mit Ungläubigen, Mohammedanern, oft Rohlingen, durchgeführt.
Das Tagebuch geht den theologischen Konsequenzen dieses trinitarischen Liebens bis ins einzelne nach; die hier gebotene kurze Auswahl zeigt einige Linien, ohne sie hinreichend abrunden zu können; der Leser wird aber die Fruchtbarkeit des Ansatzes ahnen. Viele, ebenfalls hier fehlende Texte befassen sich mit der psychologischen Integration der untergeordneten (sinnlich-geistigen) Liebessphären in den religiösen Gesamtakt. Das Folgende kann nur den Grundansatz zeigen.
Die Berufung
Ich fühlte mich von der göttlichen Liebe gewaltig angetrieben, die einfachen Arbeiter näher zu Gott zu bringen; sie sind so einsam im Land der Liebe (die Putzfrauen im Bahnhof usw.). Ich muß Gottes tiefste Liebe schöpfen gehen im tiefsten Gebet und diese den Menschen mitteilen in einer rückhaltlos sich inkarnierenden erlösenden Weise, diligens in finem.
Ich fühle mich sehr gedrängt, meine Entscheidung: Kartäuser oder Jesuit, nochmals existentiell zu durchleben: das Suchen des Andern in der nächtlichen Wüste, am Rande des Abgrunds. Meinen Ruf zum Kartäuser muß ich hier und jetzt leben: totale Übergabe an den transzendenten Gott, der mich anzieht.
Herr, lehre mich existentiell erfahren, wie ich für die Begegnung mit Dir alles aufs Spiel setzen muß – wie ich die konkrete Erfahrung des Kartäuserlebens aufs Spiel setzen muß, um es in der Suche nach den Verlassensten, Verlorensten zu erleben. Lehre mich hierin konsequent sein.
Ich sah, wie wichtig es ist, die Geschichte seiner eigenen Berufung zu bedenken; dies muß sich zu einer fortwährenden contemplatio ad amorem1 entwickeln. Das ist der Schlüssel zum einzig wahren Beten.
Nach einem Gespräch mit X. über Apostolat: Herr, ich will als ein rein Kontemplativer leben und lieben in der gottverlassensten Welt, um Dich als dort Gegenwärtigen zu lieben, zu bitten und zu verkünden, und aufeinander hin zu beten, zu lieben und zu verkünden.
Der Zölibat ist ein Sprung in die Liebe, keineswegs ihre Abweisung. Ein Hinuntertauchen zum Lebensquell.
Echtes Vertrauen auf Andere ist sehr mühsam und selten; es heißt, sich wehrlos machen und wissen, daß man getreten werden kann, und dennoch hoffen, es geschehe nicht.
Fehlendes Vertrauen beweist, daß der Mensch noch zu empfangen und nicht zu geben sucht.
Ich sah, daß das große Problem des Apostolats in der Überwindung des mächtigen Widerstands durch Verschlossenheit und Furcht vor den Andern besteht. Man schließt sich auf zweierlei Art in seinem kleinen Freundeskreis ab: man erweitert den Kreis nicht und vertieft auch die bereits gegebene Freundschaft nicht; es ist ein gesichertes Bleiben in dem, was man ist und hat.
Der Mystiker, Pilger, Entdecker des göttlichen Lebens muß weiter vordringen, um Gott in allem und in allen zu finden. Die Verschlossenheit findet sich unterwegs zum Satanischen; in der anderen Richtung liegt die trinitarische Offenheit des erfüllten Liebeslebens.
Ich muß meine innerste Tiefe voller leben – und daß dies nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt, ist normal: die Wachstumsspitze eines Baumes ist auch nur eine kleine, aber zentrale, lebenswichtige Stelle, der Lebenskern, der auf einer breiten Basis von unteren Schichten ruhen muß – hauptsächlich in zweierlei Gestalt: mein völlig in Gott verlorenes Gebet und mein tiefster Kontakt mit N. und allen, die ich in der Tiefe erreichen kann.
Wenn es nicht wahr ist, daß die tiefste Liebe zu einem Menschen in der tiefsten Liebe zu Gott gefunden wird, ist mein ganzes Leben ein unhaltbarer Widerspruch. Glücklicherweise [ist es wahr], deshalb kann ich nie fern von Gott leben.
Die Botschaft
Das ist die Botschaft, die ich den Menschen zu künden habe: daß ein tiefer mitmenschlicher Kontakt der Anfang des göttlichen Kontakts ist; dies muß ich realisieren lernen, um die sich daraus ergebende himmlische Tragweite zu sehen und danach zu handeln.
Der Gedanke, daß jede Begegnung eine mystische Bedeutung hat, durchdringt mich, langsam, aber sicher.
Die Begegnung hat einen mystischen Wert, weil in jedem Kontakt zwischen zwei Menschen die himmlische Begegnung sich anbahnt; dies war mir für die Freundschaft seit langem klar, nun zeigt es sich mir deutlich für jede Begegnung.
Gott kann erfahren werden, läßt sich erfahren: dies glaube ich, dies hoffe ich. Das ist der Grund meines Lebens, sein Brennpunkt.
Herr, ich danke Dir für die Einsicht, daß jeder Mensch, dem ich unterwegs begegne, durch Dich zu einer himmlischen Freundschaft mit mir gerufen ist. Das erfüllte mich mit tiefem kontemplativem Glück. Eine Einsicht mit unbegrenzten Horizonten hat sich mir aufgetan.
«Die Intimität des Menschen liegt in Gott»: der Ausdruck dieses Gedankens kann das Persönliche, Eigentümliche, Selbständige des Menschen zu negieren scheinen; somit kann der Ausdruck mißverständlich sein. Er muß aber ganz positiv begriffen werden.
Dasselbe gilt, wenn man sagt: «einen Menschen zu Gott bringen» (nämlich zur eigenen innersten Intimität). Einerseits ist er ja bereits dort, trotzdem muß er noch auf persönliche Art in sie eintreten, wie einer, der noch draußen steht. Von Gott her ist der Mensch bereits in sein Haus aufgenommen; vom Menschen her bleibt noch eine Strecke Weges zurückzulegen; im Apostolat muß der Apostel beide Gesichtspunkte der Realität in Erwägung ziehen.
Dies bezieht sich auf das Wort Christi: «Ich gehe euch einen Platz bereiten», m. a. W.: Gott hat uns zuerst geliebt; unsere Intimität liegt vorweg in Gott, von seinem Standpunkt aus. Der Mensch aber ist noch ein Pilger darauf hin.
Mein Freund ist wie eine Stadt auf einem fernen Berg, wohin ich auf der Pilgerschaft bin.
Im Herzen der Stadt steht ein Tempel, bewohnt von Gott, dem Dreieinen.
Seit Gott mir dies gezeigt hat, nehme ich jeden Freund, der nicht in der Stadt wohnt, mit auf meine Pilgerfahrt wie auf eine Heimreise und suche ihn mit demselben Heimweh zu erfüllen, und ich bringe ihn in das Herz der Stadt und liebe ihn auf Gottes Dreieine Liebe hin.
Unterwegs bin ich Christus begegnet. Er kam mir entgegen und zeigte mir den Weg.
Seither trachte ich, immer tiefer in den Tempel hineinzugelangen, gezogen durch Gottes Liebe, und immer drängender fühle ich das Heimweh, und alles, was mir begegnet, weist mich dorthin.
In der heiligen Freundschaft ist der Freund einer, der gleichsam in eine befestigte Stadt eindringt.
Während diese sich oft verbissen nach außen verteidigt, wartet der Freund bereits im Inneren des Andern und kann sonst nicht viel tun: denn in erster Linie ist es Gott, der den Menschen in sein Innerstes ziehen muß. «Niemand kann zu mir kommen, wenn ihn der Vater, der mich gesandt hat, nicht zieht.»
So ist die wesentlichste Aufgabe des Freundes, in das Innerste der Stadt einzudringen und seinen Freund von Gott in sein Innerstes ziehen zu lassen: darin besteht der Kern des Apostolats.
Der Freund fürchtet, den Andern am Rand der Stadt anzutreffen; denn er hat es eilig, ihm daheim in seinem Innersten zu begegnen.
Der Heilige Freund ist einer, bei dem zuhause man Gott begegnet.
Apostolat: D., Ch., Nic. S.2: ihr Suchen nach Gott ist ihr tiefstes Verlangen; sie möchten die Erfahrung machen (und so den Glauben an das Leben finden), daß jemand sie im Innersten (ganz konkret und erfahrbar) ernst nimmt (sie selber als das, was sie sind: und wie sie sind: D.s und Ch.s und Nic.s Ich), liebt, würdigt, anerkennt, die zu begegnen man sich glücklich schätzt als jemand, der das wert ist, um seinetwillen, so wie er ist: Sehnsucht nach der Liebe (= Gotteserfahrung).
Manchmal stößt man bei einem Menschen bis zu dieser fundamentalen Sehnsucht durch, die vielleicht bereits im Fundament erschüttert ist; dort stößt man auf den Glauben an das Leben oder auf die Verzweiflung, auf den Glauben an den daseienden Gott oder auf den Unglauben, auf die Sehnsucht nach Liebe oder auf Enttäuschung… Was sie verlangen, ist nicht allgemeine Güte, sondern ganz konkrete Liebe, als solche, die es wert sind, geliebt zu werden, und wäre es auch nur in einer einzigen Begegnung: diese ist vielleicht die Tiefen-Erfahrung, die sie weitertragen, die ihnen Glauben an das Leben, an die Liebe, an Gott verleihen wird, die sie voller Erwartung weiter hoffen läßt auf das Leben, auf die Liebe, auf Gott und ihnen vielleicht die Kraft schenken wird, nun selber das Leben, die Liebe, Gott zu lieben und ihrerseits die Liebe weiter in die Finsternis auszustrahlen.
Ich besaß eine kostbare Perle,
und Gott sprach: Wirf sie ins Tiefste meines Herzens.
Und ich tat es
und fühlte mich elend;
denn die Tiefe des Herzens Gottes kannte ich nicht:
Mir war, ich würfe alles ins Finstere.
Verkündigung heute
Die Verkündigung des historischen Christus, der Heilstatsachen seines Lebens und Todes, ist letzte, jeder Liebe eignende Konkretisierung des göttlichen Lebens, das wir erfahren. Sie ist die Erfüllung der tiefsten Sehnsucht, die in uns lebt in der heutigen Form der Hoffnung, die das Alte Testament und das jüdische Volk beseelt hat. Gottes Antwort ist nun voll gekommen, wahrhaft menschlich im geschichtlichen Heilsfaktum Jesus Christus.
Dies setzt beim modernen Apostel voraus, daß er die tiefste Sehnsucht der Menschen von innen her kennt: mit den Menschen leben.
Fehlt uns nicht das Ersterforderte, um das Evangelium zu stützen: die alttestamentliche Sehnsucht…?
Wenn Christus den Menschen heute etwas zu sagen hat, dann ist es die Antwort auf ihre innerste Sehnsucht; nicht über ihre Köpfe hinweg und an ihren Herzen vorbei. Wenn er den Menschen von heute etwas mitteilen will, dann wird er sie ebenso tief treffen, ihnen ebenso überwältigend antworten, wie er die jahrhundertelange, das ganze Dasein des Volkes beseelende Sehnsucht beantwortet hat.
Wir müssen also herausfinden, wie die Menschen sich heute nach Gott sehnen aus ihrem ganzen Herzen, ihrem Wesen, ihrem Leben; oder eher, wie Gott den Menschen die Sehnsucht nach ihm eingibt. Wie sollten wir das aber je können, wenn wir die Menschen unserer Zeit nicht kennen, mit einer so tiefen Erkenntnis, wie allein die Liebe sie eingeben kann? Wie könnten wir sie so lieben, wenn wir nicht zu ihnen hingehen und sie zu uns kommen lassen in einer ähnlichen Unbedingtheit wie jene, die Gott Mensch werden ließ?
Unsere Generation wird die Bewunderung aller erregen, da wir nichts mehr feilbieten, was wir nicht selber als echt empfinden. Und doch ist sie arm, weil sie nur das als echt annimmt, was sie unmittelbar mit ihrem individuellen Verstand berühren und erfassen kann.
Neue Theologie – ihre Kraft: wie das Jetzt auf Omega ausgerichtet ist (in der Hoffnung usf.); ihr schwacher Punkt und ihre Armut: das Jetzt ist wohl auf Omega ausgerichtet, aber das Omega ist bereits gekommen – und das ist für die Neue Theologie peinlich: das hätte sie lieber nicht in ihrem System.
Die Schwäche der alten Theologie war, daß Omega im Jetzt schon alles bereits gebracht hatte, und wir daher vom Jetzt nicht mehr auf Omega hinzugehen brauchten. Aber Omega dispensiert uns nicht von der noch zu leistenden Arbeit, vom noch zurückzulegenden Weg, sondern erleichtert ihn. Meine Bürde ist leicht. Wie ein Freund, der dir entgegenkommt und es dir leicht macht, dich seiner Freundschaft zu überantworten.
Omega Jetzt zeigt uns den Weg, und der Weg erhellt unsere Nacht. Ich bin das Licht der Welt. Die Neue Theologie unternimmt es selber, die Nacht zu erhellen. Die alte pries und proklamierte allein das Licht, die existentielle Nacht ließ sie kaum gelten; daher kommt es, daß sie der menschlichen Existenz nichts mehr zu sagen hat – denn diese ist Nacht.
Evangelische Tatsachen:
absoluter Wert jedes konkreten Menschen;
sein Leben geben bis zum und mitsamt dem konkreten Tod.
Apostolat muß ein Ausweiten des mystischen Freundschaftsbandes sein, jener Freundschaft nämlich, die bis in die Intimität Gottes hin reicht; deswegen beginnt Apostolat unter uns3.
Das Wesen des Apostolats ist, kurz gesagt, all dies wegräumen, das zwischen mir und dem Andern liegt; zwischen meiner Intimität und der seinen, zwischen meinem Sein aus Gott und seinem Sein aus Gott, zwischen Gott und seinem Freund.
Dies geschieht zuerst auf der menschlich-psychologischen Ebene und greift dann weiter, wird unmittelbarer von Person zu Person, von Intimität zu Intimität und erreicht so die Tiefe des Herzens Gottes, seiner dreieinen Liebe.
Dazu muß man sich psychologisch den Menschen öffnen und alle entsprechenden Möglichkeiten ergreifen; man muß auch eine religiöse Tiefe besitzen, sonst bleibt man im Menschlichen stecken, im abstrakt Menschlichen (abstrakt, weil geschieden von der tiefsten Wirklichkeit).
Das Leben hier in der Fabrik ist schön, in all seinem Realismus schön; volle Kommunion mit dieser Welt, dieser konkreten Welt von heute, und dies ist Gottes Schöpfung heute. Wenn wir von der Schöpfung Gottes sprechen, denken wir immer an eine epische Vergangenheit oder an eine heilige Zukunft; aber es ist eine Freude zu entdecken, daß diese epische heilige Schöpfung Gottes diese konkrete Welt von heute ist: Brüssel, diese wirklichen Menschen, hier in der schmierigen Gießerei, auch unsere Freunde, all das ist die Realität, und die Realität ist heilig, denn sie ist der einzige Ort, an dem uns Gott erreichen kann und uns also auch erreicht. Selbst wenn ich zwischen dem brennenden Dornbusch und Brüssel wählen könnte, ich würde Brüssel wählen.
Dreieinig lieben
Kein Aufbruch stellt den Menschen vor so unbekannte Opfer wie die Suche nach Gott; immer neu steht man vor dem großen Geheimnis; wer auf Entdeckungsreisen geht, muß häufig sein Leben aufs Spiel setzen.
Auf dieser Fahrt ist man allein; weil man sich viel tiefer und weiter vorwagt als alle menschliche Liebe (in der Freundschaft nämlich), muß man, um den Freund in seiner tiefsten Intimität zu finden, Gott suchen und deshalb mitunter die Form der Freundschaft lassen, gerade um dem Freund näherzukommen. Dies ist eine sehr tiefe und schmerzhafte Entäußerung (manchmal); denn es ist wirklich so, als ließe man mit der Freundschaft auch den Freund los für Gott, aber oft wird man nur so die tiefste Intimität des Freundes finden können (in Glaube, Hoffnung und Liebe).
Joh 16,5f.: «Nun aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat… Es ist gut für euch, daß ich fortgehe…»
Ich sah, daß es in der Liebe auf den Andern hin eine doppelte Bewegung gibt: die des Sohnes zum Vater und die des Vaters zum Sohn: der Sohn liebt den Vater auf uns hin, wir müssen den Sohn auf den Vater hin lieben.
Der Erstgeliebte liebt den Freund auf den Andern hin; der Andere liebt den Freund auf den Erstgeliebten hin: so kommt er zur Freundschaft; denn so können der Erstgeliebte und der Freund ihre Freundschaft völlig auf die Anderen hin lieben; m. a. W.: der Andere kann die Freundschaft erst wirklich empfangen (die eigentliche Liebe von Vater und Sohn), wenn er den Sohn zum Vater hin wiedergeliebt hat.
Freundschaft vollendet sich nur, wenn man von den Andern aufeinanderhin geliebt wird. Dies ist die eigentliche «geistliche» Liebe. Dies ist das Wirken des Heiligen Geistes im dreieinen Liebesleben: er liebt den Vater und den Sohn aufeinander hin.
Dies muß auch unsere dreieine Liebe zu den Andern sein: sie aufeinanderhin lieben. Das wird um so besser gelingen, wenn sie unsere Freunde sind. So fließt die erlösende Liebe des Vaters über in die Liebe des Geistes, in die Freundschaft.
Der Vater liebt den Sohn auf dessen Freunde hin; wenn der Sohn von ihnen aufgenommen wird, wird die erlösende Liebe von Vater und Sohn umgeformt in eine Geist-hafte Liebe, die nicht mehr eine in Schmerzen «erlösende» ist: sie ist Freundschaftsliebe des Geistes zu den Anderen, ist das Sich-aufeinanderhin-Lieben zweier Freunde.
Es ist dreieine Liebe des Geistes, die väterlich ist in ihrem Ursprung und sohnhaft in ihrer Hinwendung zum Vater wie in ihrem Verweis auf ihn hin.
«In der übernatürlichen Liebe besteigt man einen Turm, der bis zum Himmel reicht.»
Je höher man steigt, je mehr kann man geben, denn desto mehr empfängt man.
Auf einer ersten Stufe wird der Freund auf die Anderen hin geliebt.
Auf einer zweiten Stufe lieben die Freunde ihre Freundschaft auf die Anderen hin.
Auf einer dritten Stufe wird von der Freundschaft her der Freund auf den Andern hin geliebt (dies ist nun «inkarnierend» und nicht mehr «erlösend» wie auf der ersten Stufe).
Schließlich, und dies ist die höchste Liebe, wird in der aus der Freundschaft stammenden Liebe des Freundes auf den Andern hin im Freund und durch den Freund und mit dem Freund der Vater (der Freund, dem alle Freundschaft entspringt) auf den Andern hin geliebt, so daß die volle Freundschaft nun auch im (neuen) Freund gegenwärtig wird. Dies ist die tiefste (vollste) trinitarische Freundschaft.
Gott hat uns vor Anbeginn an so geliebt (doch ist die Liebe nur allmählich bis zu uns gedrungen): Mt 1,18 – «Maria hatte empfangen vom Heiligen Geist»; Mt 1,20 – «das Kind in ihrem Schoß stammt vom Heiligen Geist»; Mt 1,21 – «Sie wird einen Sohn gebären, den sollst du Jesus nennen, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden»; Mt 1,23 – «Emmanuel: Gott mit uns…»
Aus der Freundschaft (dem Heiligen Geist) wird der Freund (Christus) auf den Andern (den Menschen) hin geliebt, und im Freund (Christus) schenkt sich der Erste (der Vater) selbst dem Menschen (Emmanuel).
Der erlösende erste Schritt: Er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Letztlich ist dieser erste Schritt und alle folgenden ein Ausstrahlen von der Mitte der tiefsten Liebe und des tiefsten Lichtes her, in die Finsternis hinein (die Sünde des Menschen), und also ist das in seinem Ursprung und auf seinen Wegen Geschaute dieselbe Liebe und dasselbe Licht überall.
Von Gott her war die Liebe von Anbeginn an vollkommen; und von der unsern her wird sie zu einer erlösenden (leidenden) Liebe verdunkelt.
Die trinitarischen Stufen in der Freundschaft (auf unserer Ebene) können in einer väterlichen, sohnhaften und geisthaften Form erlebt werden – die höchste Form der Freundschaft ist es, wenn man so vom Andern geliebt wird und den Andern so liebt, daß Gott geliebt wird und Gott einen liebt.
Herr, wenn Du mich auf ganz andere Weise zu Dir kommen lassen willst, als so, wie ich es bis anhin getan habe, dann ist mir alles recht; denn nicht die Art, wie ich Dir näherkomme, ist für mich von Belang, sondern Du selbst.
In unserer trinitarischen Einheit (man kann im Menschen eine sinnliche, geistige, göttliche und trinitarische Einheit unterscheiden, wenn auch nicht scheiden);… das heißt: im trinitarischen Brennpunkt der Liebe in uns lebt die Liebe des Vaters, des Sohnes und des Geistes in einer doppelten Bewegung: 1. zum Vater, zum Sohn und zum Geist und in jeder dieser Personen zu der Andern; 2. zu den Menschen auf väterliche, sohnliche und geistliche Weise.
Die Liebe, die in unserem tiefsten Brennpunkt liebt, strömt über auf die mehr äußeren Brennpunkte, nicht so, daß sie diese ertränkt und erstickt, sondern so, daß sie sie auf eine natürliche, nicht begreifbare Weise (selbst in der ehelichen Liebe) intensiviert und wahrer macht.
Gott, schenke mir die Offenheit und die Hochherzigkeit Deiner Dreieinen Liebe!
Um seinen Freund wirklich auf die Anderen hin lieben zu können, wie der Vater seinen Sohn liebt, muß man eine sehr tiefe Freundschaft haben.
Um seine Freundschaft Anderen mitteilen zu können, wie der Vater und der Sohn den Heiligen Geist (mitteilen), muß man eine sehr tiefe Freundschaft haben, eine trinitarische.
Dies sind die trinitarischen Weisen, seine Freundschaft mitzuteilen:
- Der Vater teilt den Sohn mit, dieser ist sein einzig Geliebter und deshalb seine tiefste Intimität.
- Vater und Sohn teilen den Heiligen Geist mit, dies ist ihr innerstes Liebesleben. Dies aber nur in der Begegnung mit einem, der lauter genug ist oder gemacht werden kann.
Wir können der trinitarischen Intimität der Anderen nur verhüllt begegnen, doch in ihren Ausstrahlungen und Zuwendungen lieben wir sie wirklich mit unserem Glauben, unserer Hoffnung, unserer Liebe.
Wie es in der sich Gott nähernden Liebe und in der Liebe, die sich dem Andern nähert, eine Nacht gibt, so gibt es eine Nacht in der Liebe zu Gott auf den Andern hin: dies ist die apostolische (sensu stricto) Nacht; sie kann väterlich sein, das heißt Nacht des Vaters, der seinen Sohn auf die Anderen hin liebt im erlösenden Leiden (dazu muß man tief in Gottes Intimität leben: der Vater), sie kann sohnhaft sein: dem Andern in Christus sich nähern im erlösenden Leiden (das heißt nicht aufgenommen werden, in liebloser Weise verwundet werden gerade in der Zuwendung der Christusliebe); sie kann Nacht des Geistes sein: das heißt nicht aufgenommen werden bei der Annäherung in der Liebe des Geistes; dies ist in Gott nicht schmerzhaft erlösend, wohl aber im Apostel.
Die auf den Andern hin gerichtete Liebe zu Gott ist die tiefste Liebe zum Andern; denn so liebt man den Andern aus seiner tiefsten Intimität, die man erst in Glaube und Hoffnung besitzt: es ist eine verschleierte himmlische Liebe.
Jemand hatte mir gesagt, man könne keine tiefe Freundschaft mit einem haben, zu dem man nicht natürlicherweise in Freundschaft hingezogen wird. Dies ist nicht wahr, denn hat man einmal die Freundschaft unmittelbar am Quell getrunken, so vermag man ein erst unüberwindlich scheinendes Hindernis mühelos zu übersteigen. (Wer einmal Berge erklommen hat, schrickt vor einer kleinen Unebenheit nicht mehr zurück. Die Liebe bedeckt alles.)
Ein zweiter Grund, weshalb man dann die kleinen Hindernisse ohne Mühe überwinden kann, liegt darin, daß die Triebkraft der bestehenden Freundschaft uns zu den Anderen hintreibt, zu ihrer tiefsten Intimität, und sich dort «geistlich» mitteilen will, und sohnhaft und väterlich. Die erste Freundschaft will sich in den Anderen entfalten.
Wer einmal die Anziehung des noch unbetretenen Grundes einer Intimität gefühlt hat, fühlt sich überall und allzeit von einem unstillbaren Heimweh getrieben.
Wüste: Wir sind einander eine Wüste. Wir müssen bewohnbar werden, ein gastliches Haus: alles in allen in Gott = Himmel (keine Verfremdung: in ≠ wie der Kern einer Frucht, sondern = völlig drin, innen, nicht dahinter ≠ Verfremdung).
Vielleicht realisieren wir nicht genug, daß Gott, wenn er spricht, die Stille nie unterbricht; Gott redet nie neben der Frage, neben der Person, neben unserem Leben in allen seinen Dimensionen vorbei; vielleicht wäre uns das lieb, aber glücklicherweise tut er es nicht. Denn wenn man mit einem Menschen in ein Schwatz-Verhältnis gerät, wird ein echtes Gespräch vielleicht auf Jahre hinaus verhindert. Vielleicht reden wir zuviel mit Gott, oder wir beten nicht mehr, weil wir meinen, Beten sei Geschwätz und kein Gespräch, das bis in den tiefsten Grund unserer Person reicht. Vielleicht leben wir nicht genug in – oder aus dem tiefsten Grund unserer Person; vielleicht beten wir nicht echt, weil unser ganzes Leben zuviel Geschwätz ist, ein Erleben, das nicht Erleben unseres tiefsten Lebens ist.
Gott mit uns
Erfahrung von Gottes Transzendenz (nie auszuschöpfen), von Gottes Heiligkeit, von Gott in seiner Güte, seiner Liebe: all diese Erfahrungen werden in der ganz schlichten konkreten Tat der Nächstenliebe zusammengefaßt und verwirklicht: darin wirkt der transzendente, heilige, gute Gott der Liebe als der Ganze in uns. Denn in der konkreten Nächstenliebe wirkt etwas von Gott in mir, und «etwas von Gott ist der ganze Gott» (Hadewijch).
Deshalb sind Menschen wie X. und viele einfache Christen, die vielleicht in der Kontemplation nicht so «fortgeschritten» sind, mitunter weiter voran als mancher hochfliegende Kontemplative. Deshalb liegt auch in der echten Caritas keinerlei Gefahr des Irrtums.
Besuch von Ahm.: Er ist so gut, so arm und so offen, daß er unmittelbar in die Arme des Vaters aufgenommen werden wird, selbst wenn er nicht zu der noch im Wachsen begriffenen Kirche gehört. Zur endgültigen Kirche jedenfalls gehört er.
Besuch von Ahm.: Lange Hand in Hand. – «Wir sind ‹Pobres›.» – Der Herr war da, ohne daß wir uns dessen bewußt wurden.
Gott, Dank für diesen gewöhnlichen Tag; er ist mir liebenswerter als irgendein großes Geschehen und Erlebnis, weil ich da besonders weiß, daß Du allzeit bei mir bist, daß das gewöhnliche Leben seinen Sinn hat, nichts davon außerhalb Deiner liegt… Dank für diese gewöhnlichen Menschen…
Erfahrung von gestern früh: Als ich von der Arbeit kam, auf der Straße, die ins Zentrum von Brüssel führt, sah ich, wie diese höchst konkrete Welt eine Schöpfung des Vaters ist im Sohn durch die Kraft des Geistes: also keine profane Welt, sondern Gottes Schöpfung, in der er sich mitteilt und offenbart, Le Milieu divin. Jetzt und hier spricht mir der Vater sein Wort mit Macht zu.
Wie ein Mann einer Frau (der Frau) bedarf, so bedarf ich Gottes.
Wie ein Mann seiner Frau bedarf, so bedarf ich meines Gottes.
Die Menschwerdung ist Erweis der Liebe Gottes in ihrer immerfort ankommenden Bewegung,
wie wenn jemand, der immer tiefer ins Meer hinausschreitet,
dauernd einer neuen Welle begegnet, die nichts anderes ist als das auf ihn zukommende Meer.
Aber weit draußen bleibt das unermeßliche Meer in seiner geheimnisvollen Unendlichkeit, das den Menschen anzieht.
Je weiter er schreitet – und gezogen wird durch das strömend Flutende –, um so geheimnisvoller und tiefer und reicher wird das Heranwogen des Meeres;
bis er vollends aufgeht im Meer und aufgenommen wird in dessen inwendige, uferlose Bewegung.