Nabídka
Alte Kirche und junge Welt
Das Zeitalter der Restauration, das wir heute durchleben, täuscht keinen Tiefersehenden über die Ausmaße der Krise, in der die Welt und mit ihr die Kirche liegen. Wir ahnen, wie kurz die Frist dieser wiederaufgestellten Kader und Formen sein könnte, wir wissen, wie radikal dahinter und aus nächster Nähe der Zerstörungswille gegen all dies Geformte uns angrinst. Diese äußere Bedrohtheit und die innerliche Forderung, etwas, was wesentlich auf europäisches Format zugeschnitten war, auf Weltformat zu erweitern, erweckt zumal in den Jungen, die sich auf jeden Fall auf Wandlungen – entweder Katastrophen oder unerhörte Formaterweiterungen – gefaßt machen und sie mitzuerleben gewillt sind, ein Gefühl der Unwirklichkeit gegenüber der alten und mit so viel Altersweisheit dozierenden und fordernden Kirche. Und dies natürlich in den Ländern, die die Kriege erlebten und mit ihnen einen Einsturz der Traditionen, viel radikaler als bei uns in der Schweiz. Das Traditionelle ist dort nicht erst durch seinen Inhalt, sondern schon durch die bloße Tatsache, daß es Tradition enthält, verdächtig. Die offiziellen Vertreter der Kirche haben sich in langen Studien in diese Tradition versenkt, ihre Sprache gelernt, ihre Denkformen sich angeeignet, und so wundert es niemanden, daß sie mit der Idee der Traditionalität überhaupt vertraut sind, insonderheit der Katholizismus mit dem Wort «Tradition» noch etwas anderes meint: die Weitergabe christlicher Offenbarung durch mündliche Überlieferung. Aber da die theologische Abgrenzung dessen, was der Kirche außerhalb der Heiligen Schrift an Offenbarung anvertraut worden sein mag, sehr schwierig und für Laien schwer einsehbar ist, werden diese immer geneigt sein, das theologische Prinzip der Tradition gleichzusetzen oder zu verwechseln mit einer allgemeinen katholischen Vorliebe für das Tradieren von Bestehendem, von all dem Formgut – geistlichem und weltlichem, liturgischem, politischem und sozialem – das von der Spätantike bis ins 19. und 20. Jahrhundert, von der griechischen Philosophie, der konstantinischen Staats- und Kirchenregelung, vom Reich Karls des Großen, von der antiken, mittelalterlichen und humanistischen Bildung bis zur französischen Revolution und darüber hinaus im großen Fluß des Geschehens an Geschiebe mitgeschleppt worden ist. Aber das alles steht vor dem Blick der heraufkommenden Welt irgendwie eingeklammert da, wie eben alles geschichtliche Sein seine Zeit hat und gehabt hat und als einmal Vergangenes nicht den Anspruch darauf erheben kann, schlechthin das Gegenwärtige oder Zukünftige zu sein. Die junge Generation ist, in den Besten wenigstens, nicht einmal besonders bilderstürmerisch aufgelegt; sie kennt eine – wenn auch oft eher zerstreute – Pietät, umsomehr als ihr selber nicht viel Wesentliches einfällt, das in den groß offenen Rahmen der Zukunft eingezeichnet werden könnte (mit Sport und Fernsehen allein füllt man kein Leben), und sie daher doch gern im Antiquitätenladen der Vergangenheit herumstöbert. Ich meine jetzt weniger jene unabsehbaren Autokolonnen, die Sommer für Sommer durch alle Länder des Westens rollen, von diesem Schloß zu jener Kathedrale, von dieser Galerie zu jenem Strandbad, als die Masse von Studenten, die mit einem fast drolligen Ernst immer noch eine Dissertation über Cicero oder Augustin, über Thomas oder Erasmus zusammenschustern, fast dem gleichen Ernst, womit andere oder sie selbst an einem Motor oder Segelflieger basteln. Dieser Ernst hat des öftern etwas seltsam Resigniertes, wie diese Jungen eben allem Heutigen resigniert gegenüberstehen: ein Zwischengeschlecht zwischen einer Zukunft, die noch nicht da ist, und einer Vergangenheit, die sie vital nicht mehr angeht, die schon abgerückt ist und mit der sie sich fast zum Zeitvertreib, bis sie endlich einer um die elfte Stunde vielleicht doch noch dingt, ein wenig abgeben. Denn es wurde ja so vieles erlebt und fast noch mehr aufgeschrieben, und in all das war die Kirche hineinverwoben wie ein allgegenwärtiges Muster: ja sie hat, obwohl nur ein Motiv, den ganzen Teppich gezeichnet, alle Gegen- und Seitenmotive: bis zu den weltlichsten Spöttern und Antichristen, bis zu den Kommunisten und Nihilisten war alles durch ihre Gegenwart, ihre Stärke und Schwäche, ihre Position und Negation bestimmt. Die Reiche und die Philosophien sind gefallen, sind Vergangenheit geworden. Die Kirche aber ist da, gegenwärtig, jedoch behangen mit all diesen Vergangenheiten, die fast nur noch durch sie in die Gegenwart hineinragen. Wer würde sich um die Naturlehre der Griechen, um Canossa oder Galileis Schicksal sonst noch kümmern? Der eine Partner, der damals lebendig und gegenwärtig im Gespräch und im Kampf verwickelt war, lebt, wie ein Ahasver, noch heute, und er berichtet nicht ungern von dem, was er in den Jahrtausenden erlebt hat. Das gibt ihm ein Ansehen und Gewicht von Alter. Niemand im heutigen Abendland ist älter als die Kirche. Wir wollen jetzt noch nicht von ihrem auffälligen Altersmerkmal sprechen: daß die Christenheit sich im Laufe der Jahrtausende zersetzt hat wie ein bröckelnder Fels in immer mehr Kirchen, Sekten, Konfessionen, die alle an der Kraft der Einheit zehren, diese wie nichts anderes in Frage stellen, vor dem Angesicht der Welt verleugnen und damit einen anscheinenden Absterbeprozeß (wie der aller übrigen Weltreligionen, die sich in ähnlicher Weise aufgespalten und zersetzt haben) darstellen. Davon wird eigens zu reden sein. Aber das Paradox ist das Beklemmende: daß hier jemand so viel weiß, wo wir andern von der Zukunft nichts wissen, und dieses viele Wissen, das dieser Jemand uns anbietet, fast lauter Wissen der Vergangenheit ist… Zu gewissen Zeiten innerhalb der Klammer (von Konstantin bis zur Revolution) war es auch für die Weltlichsten eine Empfehlung, so viel zu wissen. Jetzt, da die Klammer sich schließt oder schon geschlossen hat, ist das nicht so sicher; und es fragt sich manch einer: wie wird die Kirche es machen, um nicht innerhalb der Klammer zu bleiben?
Es gibt wohl zwei Mittel, durch die ein historisches Gebilde seine Lebendigkeit für Gegenwart und Zukunft behalten oder wiedergewinnen kann: das eine ist gewaltsam und kommt von außen: es ist die Zerstörung der Tradition, der Denkmäler und Bibliotheken, der Archive und Verwaltungskörper, ja vielleicht die Aufhebung des historischen Gedächtnisses während Generationen und der Zwang, infolgedessen auf primitiver Stufe neu anzufangen. Das zweite ist organisch und kommt von innen: die Kraft des Übersteigens, der alle Traditionen dominierenden Lebendigkeit, die das Gewesene kennt und sich doch davon zu lösen vermag, soweit die Verantwortung und Bereitschaft für die Zukunft es fordern. Beide Mittel können Gnade sein: das zweite eine strahlende, das erste eine harte; und vielleicht muß, wenn das zweite nicht mehr durchschlägt, die Vorsehung das erste verwenden. Das erste sind die Bomben oder auch die Verfolgung, und gewisse Extremisten innerhalb der Mauern scheuen sich nicht, der Kirche mit heißen Wünschen beides zu erflehen. Aber es ist weder unsere Pflicht noch unsere christliche Sitte, so zu beten und den Blitz auf das alte Haus herabzubeschwören. (Etwas anderes ist es, wie wir das von einem Karmel wissen, wenn eine Gemeinschaft Gott darum bittet, von den Bomben getroffen zu werden, damit die Umgebung verschont bleibe; dieses Gebet wurde erhört.) So bleibt der zweite, strahlende, aber fordernde, schwierige Weg: die Übersteigung von innen, und diese ist vielleicht, gegenüber der geistigen Sprengkraft der Bomben (die man nicht überschätzen darf, wie die Erfahrung gelehrt hat), die geistige Sprengkraft der Heiligkeit: die immer je mehr ist als die Weisheit der Tradition, nämlich die Gegenwart des Heiligen Geistes für uns in der gegenwärtigen Zeit.
Sobald die Heiligkeit auftritt, verstummt zwar nicht der Widerstand (besonders der Tradition), wohl aber das Unbehagen und Räsonieren. Man kann die Heiligkeit bekämpfen und auch äußerlich umbringen; man kann sie nicht widerlegen. Sie ist einfach die größere Kraft, die immer auch eine Kraft geistiger Überzeugung und Beweisführung ist. Es ist ganz klar, daß sie sogar der einzige Beweis dafür ist, daß die Kirche trotz ihres Alters und ihrer Altersweisheit, der heutigen und heraufkommenden Zeit noch etwas, noch alles zu sagen hat. Deshalb müßte genau auf den Punkt hingeschaut werden, wo die immer junge Heiligkeit die Schalen der geschichtlichen Tradition durchbricht, um frisch wie am ersten Tag ans Licht der Welt, der jetzigen, aufgehenden Welt zu treten. Vielleicht ist dieser Punkt nicht leicht zu beobachten, weil die Heiligkeit, die man kanonisiert (und heute in größeren Mengen als je), bereits schon wieder oder sogar schon längst Geschichte und Tradition geworden ist, weil unter Umständen der Prozeß der Kanonisation mehr als alles andere ein zu den Traditionskräften gehörender und diese Kräfte verstärkender Prozeß ist. Vielleicht ist dieser Punkt auch deshalb nicht leicht zu beobachten, weil er sich in eine gewisse Gleichgültigkeit und Entfernung von den betonten Zentren der Tradition begibt, unbekümmert um Vergangenheit und aufgestapelte Weisheit, in der Naivität, mit der heute die Arbeiterpriester zu den Allerärmsten gehen, gewiß nicht, um mit ihnen Augustinus oder Johannes a Sancto Thoma zu lesen. Diese Naivität, die in der heutigen Kirche nur der sichtbarste Punkt aller Naivität und Unbeirrbarkeit des Heiligen ist, nur ein Punkt unter vielen, dürfte nicht den Anschein erwecken, als werde eine Kluft aufgerissen zwischen dem Leben heute und der geschichtlichen Tradition. Es könnte ja mit gleich überzeugender Kraft ein heiliger Theologe auftreten, der auf der Ebene der Betrachtung und der Lehre die heilige Kühnheit der Arbeiterpriester darlebte. Wie seine Theologie aussähe, das gerade kann man nicht voraussagen; aber soviel ist gewiß, daß seine übernatürliche Jugendkraft des Lebens nicht geringer wäre im Bereich des Geistes als die übernatürliche Jugendkraft jener arbeitenden Priester, die eine geistige Kraft darstellt im Bereich des unmittelbaren Lebens. Einfacher gesagt: was diese darleben, ist der unmittelbare Geist des Evangeliums, aufsteigend wie ein Springquell aus der Unmittelbarkeit zu Christus, ohne die geringste Abschwächung durch zeitliche und geschichtliche Distanz. Heiligkeit ist immer die Widerlegung der Idee, daß der geschichtliche Abstand im Christentum eine wesentliche Rolle spielt. Ja, es ist seltsamerweise sogar umgekehrt: der Abstand von Jahrtausenden erlaubt es uns, unmittelbar an die Quelle, an die Offenbarung Christi heranzureichen. Denn mit einem Blick ersehen wir, daß alles geschichtlich Realisierte noch nicht das ist, was Christus jetzt, unmittelbar von mir, von dir, von unserem Geschlecht verlangt, daß die Geschichte für diese Stunde keine Lösung weiß (aus dem einfachen Grunde, weil sie Geschichte und nicht Gegenwart ist) und daß durch dieses Nichtwissen der Geschichte der Blick frei wird auf das Evangelium und seine einfache Lösung. Noch mehr: die Erfahrungen der Geschichte sind für diesen Sprung ins Evangelium nicht überflüssig: es hat dieser Jahrtausende bedurft, dieser langen und mühsamen Erfahrungen, um uns zu zeigen, wohin gewisse Wege führen, wie weit man unter Umständen von den Quellen abkommt, wie groß die Umwege sind, wie inadäquat der totalen evangelischen Gnade und Sendung die von Menschen erdachten Übersetzungen. Es gibt Theologen, die allen Ernstes die Meinung vertreten, die Theologie, das heißt die Auslegung der Offenbarung in menschliche Begriffe, sei so weit fortgeschritten, daß sie ihrem Abschluß nahe sei. Das Haus scheint gebaut, die Zimmer tapeziert, den Kommenden bleibt eine immer kleinere, subtilere Arbeit übrig: die Ausschmückung der fertigen Räume, das Ordnungmachen in den Schubladen. Das ist der Blick, der sich ergibt, wenn man nur auf die Tradition schaut.
Wenn aber der Heilige (oder eigentlich jeder lebendig Glaubende, Begnadete) die Tradition vergleicht mit dem Ungeheuern der Offenbarung selbst: sinkt ihm dann nicht alles Erreichte zu einem armseligen Häuflein von Gedanken und Begriffen zusammen, die kaum das ABC der Auslegung sind? Si comprehendis non est Deus; die Väter haben es hundertmal wiederholt. Und wirklich, auch der Theologe, der sich durch die Bemühungen der Gottesgelehrten hindurchstudiert hat, und gerade er, wird, wenn er die Offenbarung anschaut, sich überwältigend klar sein, daß noch fast nichts getan ist, daß noch ungeheure Gebiete zu erforschen bleiben, ganze Kontinente dieser Landkarte weiß ausgespart sind. Es geht nicht darum, das in der Tradition Erarbeitete zu überrennen, aufzulösen, geringzuschätzen. Alles echte Wahre wird bleiben. Aber Umrisse sind noch keine ausgeführte Zeichnung. Und viele Umrisse, die im dritten und vierten Jahrhundert entworfen wurden, blieben bis auf den heutigen Tag fast unverändert liegen. Die Lehre von Christus hat nach Chalzedon kaum mehr Fortschritte gemacht. Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes kaum mehr seit Augustin. Die Lehre von den letzten Dingen blieb, wie vielleicht keine andere, liegen und wurde oft nur in nebensächlichen Fragen weiterentwickelt, während zentrale unbearbeitet blieben. Die Lehre von der Kirche fehlt in der Scholastik und beginnt erst in den letzten Jahrzehnten sich allseitig zu entfalten. Gerade sie wird für die Existenz des Christen heute und morgen von der größten Tragweite sein. Das Verhältnis der Christenheit zur nichtchristlichen Welt (Heiden, Juden, Häretiker, Schismatiker) war in den Zeiten der Kirche, die in der Klammer stehen, eine höchst summarische; weder in Theorie noch in Praxis bestand ein Bewußtsein letzter, durch nichts zu brechender Solidarität. So blieben tiefste Fragen der Ekklesiologie und der Eschatologie unerledigt, ungedacht, fast möchte man sagen (wenn das Wort auf diese Zeit der Vor-Bewußtheit überhaupt anwendbar wäre): verdrängt. Es sind Fragen, die den heutigen Menschen aufs tiefste beunruhigen, für die heute endlich die Zeit der Aktualität gekommen ist. Die Offenbarung hält in ihrer geduldigen Weise die Antwort bereit, während die kurzen zweitausend Jahre Kirchengeschichte noch nicht dazu kamen, sie zu sehen, zu überdenken. Wo bliebe denn auch, wenn es anders wäre, in der Geschichte der Heilige Geist? Er wird uns nach Christi Verheißung in alle Wahrheit einführen. Er wird es bis zum Ende der Welt tun und sich dabei nicht wiederholen. Er wird Jahrhundert um Jahrhundert neue Tiefen der Offenbarung beleuchten, die frühere Zeiten wohl «gesehen» hatten, ohne sie doch zu beachten, so wie man jahrelang täglich an einem Haus vorbeigehen kann, ohne es ein einziges Mal richtig anzusehen. Franz von Assisi war so ein neues Licht auf das Evangelium; vielleicht wird er aus größerer Distanz immer mehr als der Gipfel des Mittelalters in seinem Bezug zur Offenbarung verstanden werden. Die wahren Gipfel steigen mit wachsendem Abstand; wir wollen uns hüten, unsere Zeit als eine heiligenlose Zeit zu betrachten.
Ohne Zweifel ist die heutige Kirchenstunde die Stunde der Laien. Innerhalb der «konstantinischen Klammer», aus der die Kirche sich heute befreit, galt der Laie wenig; nichts war angetan, ihm die Fülle seiner christlichen Sendung in der Welt klarzumachen. Ein schlafender Riese reckt sich, ist am Erwachen. Ungeahnte Kräfte liegen in der Kirche brach, gleich Wasserkräften ungestaut und von Energien trächtig. Diese Kräfte sind so unübersehbar, daß wir die gleichzeitige Verstärkung der Organisation und Zentralisation in der heutigen Kirche als eine gnädige Vorsehung ansehen müssen: dazu bestimmt, jene Energien zu ordnen und sich nicht vertoben zu lassen. Aber Organisation und Zentralisation sind lebendige Werte erst, wenn die großen Kräfte die Maschinen füllen und umtreiben. Hier enthüllt sich, für manche überraschend, nun auch der Sinn der in der Neuzeit scheinbar einseitig vorangedrängten Mariologie, die wie ein hypertrophierter Ast am Baum der kirchlichen Lehre Zweig um Zweig ausfaltete: heute hat sich der kirchliche Sinn der Mariologie enthüllt: Maria ist Schoß und Urbild der Kirche, sie ist die Fruchtbarkeit der Kirche selbst, sie ist die Form der Kirche, sofern sie Braut Christi ist (und Maria steht Christus näher als Petrus und Johannes), die Mariologie wird der langsam kommenden Ekklesiologie den Weg bahnen, und was noch wichtiger ist als die begriffliche Folgerung: sie wird dem neuen kirchlichen Bewußtsein der Christen, der Laien zumal, die Grundlage schenken.
Nie vielleicht seit den ersten drei Jahrhunderten war die geistige Situation der Kirche eine so offene, verheißungsvolle, zukunftsträchtige. Wo heute Christen auf der Wanderung ausruhen und auf die zurückgelegte Wegstrecke blicken, sehen sie die Horizonte zurückweichen und sich zu überblickbaren Bildern schließen, von denen man, wie der Dichter sagt, mehr segnend als verliebt scheiden kann. Für jeden Einsatz, jede Initiative zumal von Seiten der Laien stehen die Türen offen. Und diese mögen sich wohl sagen, daß die vermehrte Aktivität der organisatorischen Stellen sehr oft nicht nur auf den guten Willen der Inhaber, sondern ebensosehr auf die mangelnde Beteiligung und geistige Phantasie der Laienkreise zurückzuführen ist. Wo vieles sich regen sollte, aber wenig sich regt, dort muß man sich nicht wundern, wenn der Versuch der Ankurbelung unternommen wird, den die bloßen Zuschauer, die sich selbst nicht regen, am wenigsten zu bekritteln befugt sind. Die Zukunft der Kirche – die heute die größten Chancen besitzt – hängt davon ab, ob jene Laien sich finden, die aus der ungebrochenen Kraft des Evangeliums zu leben und die Welt zu gestalten gewillt sind. Daß Klerus und Orden dazu nicht mehr hinreichen können, ist jedem Unbeteiligten klar; es ist nicht deren Schuld, sondern die der Mündigwerdung der Welt, wie sie sich seit dem Mittelalter unaufhaltsam vollzieht, mit der klaren Unterscheidung von Civitas Terrena und Civitas Dei, wie sie sich etwa in den Definitionen des Vaticanums sanktioniert fand. Wo die Weltuhr dies geschlagen hat, ist die Heraufkunft einer neuen Form christlicher Weltwirkung beschlossene Sache. Und es gilt nur, Christi erwählende Stimme zu hören und sich mit der gleichen Freudigkeit zur Verfügung zu stellen wie einst die Apostel. Nicht sich umsehen, wenn der Finger des Herrn auf dich zeigt, ob vielleicht ein anderer hinter dir gemeint sei, sondern aufstehen und gehorchen. Es ist nur Gnade. Höheres wird keinem zuteil.
Hans Urs von Balthasar
Původní název
Alte Kirche und junge Welt
Získat
Specifikace
Jazyk:
Němčina
Původní jazyk:
NěmčinaVydavatel:
Saint John PublicationsRok:
2026Typ:
Článek
Zdroj:
Civitas: Monatsschrift des Schweiz. Studentenvereins 7 (1952): 579–84.