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Selig die Armen
Eine Weihnachtsbetrachtung
Hans Urs von Balthasar
Original title
Selig die Armen
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Specifications
Language:
German
Original language:
GermanPublisher:
Saint John PublicationsYear:
2026Type:
Article
Source:
Civitas: Monatsschrift des Schweiz. Studentenvereins 1, 1/2 (Oktober 1945): 145–48.
Weihnachten ist das Fest der Armut. Und zwar beginnt sie innen, bei der Armut an eigener Disposition: diese ist die einschneidendste, empfindlichste Armut. Die Eltern in Nazareth hatten vorgesorgt. Reich waren sie nicht, aber doch nicht so arm, daß nicht ein Dach, ein hergerichteter Raum, eine Wiege, die nötige Wäsche bereit gestanden wären. Sie haben im guten Glauben und im Willen, Gott wohlgefällig zu sein, wie Menschen es tun, vorgesorgt. Sie haben, wenn auch in bescheidener Weise, das kommende Ereignis organisiert. Aber Gott will nicht in die fertigen Dispositionen der Menschen hineingeboren werden. Wie aus heiterem Himmel trifft in die Vorbereitungen hinein das Edikt des Kaisers; die Eltern müssen ins Ungewisse hinaus; das Kind hat nicht die Geduld, ihre baldige Rückkehr abzuwarten, es kommt wirklich im ungelegensten Augenblick; von allen Völkern zwar mit Sehnsucht erwartet, nur gerade nicht an diesem Tag, an dem keine Vorkehrungen getroffen sind. So ist nun einmal dieses Kind: es nimmt keine Rücksicht auf bestehende Rahmen; wo es erscheint, dort erweist sich, daß alle bisherigen Dispositionen eitel sind, daß man neu anfangen muß bei Krippe und Stroh; es erscheint im Jahre Null, wo die alte Ökonomie bis auf den Boden abgebaut ist, und von der neuen sieht man noch nichts.
Dann ist es zweitens Armut an allen irdischen Gütern. Die Ratlosigkeit, die um die Krippe herrscht, wäre weniger groß, wenn man in diesem Stall vor Bethlehem rasch ein Kinderzimmer hätte improvisieren können. Aber ein Bündel Stroh im Trog und die mitgenommenen Windeln reichen nun einmal mit dem besten Willen nicht aus, ein wenig Komfort vorzutäuschen. Das nackte Kind erscheint in einer nackten Welt, die ihm nichts zu bieten hat. Und wenn vorhin zur Erscheinung des Herrn jener äußere Wille des Menschen überführt werden mußte, der da meint, durch eigenen Witz ihm etwas bieten und bauen zu können, so muß jetzt auch die ganze äußere Welt abgebaut werden, als das, was die Menschen ganz natürlich zur Hand zu haben vermeinen, was ihnen das Leben verschönert und schmückt und überhaupt lebenswürdig, ja lebensmöglich macht. Geistige Armut ist wichtiger als leibliche; aber sie kann eine fromme Selbsttäuschung sein, wenn leibliche nicht gelegentlich ihre Echtheit beweist. Und wo Gott erscheint, muß jeder Zweifel darüber zerstreut sein, daß der Mensch aus sich selbst nichts hat, was er ihm bieten könnte.
Es ist drittens Armut als Ausgestoßensein, Armut an Liebe, Aufnahme, Anerkennung. Man wird sich wohl später entschuldigen, wenn man erfährt, wer damals an die Tür der Herberge geklopft hat, wen man, ohne es zu wissen und zu wollen (so wird man sagen), abgewiesen hat; aber in dieser Entschuldigung wird eingeschlossen sein das Bekenntnis, daß man den armen Unbekannten, den Bettler, der auf keine Liebe Anspruch hat, ruhig abweisen durfte. Außerhalb aller sozialen Rahmen wird der Herr der Welt geboren und keine Fürsorgemaßnahme wird je so feine Maschen haben, daß sie die Geburt dieses Ärmsten erleichtern könnte.
Und viertens ist es Armut als Gebundensein in Windeln: in der Unmöglichkeit, sich zu regen, sich bemerkbar zu machen anders als durch klägliches Wimmern; Armut an Ausdrucksmöglichkeit, da der kindliche Körper noch kein geschmeidiges Instrument des Geistes ist, sondern wie eine dichte, ungefüge Hülle und Fessel ihn hemmt und knebelt. Unendlich ist die göttliche Weisheit, und alle Bücher dieser Welt reichten nicht hin, sie zu fassen, wenn sie anfangen wollte, zu sprechen. Hier aber hat sie sich selbst so gebunden, daß sie kein Wort hervorbringen kann als diese unverständlichen kindlichen Laute.
In dieser Situation ist Gott erschienen, und in derselben wird er die Welt wieder verlassen: in der vollen Desorganisation des menschlichen Gerichts, in derselben Nacktheit, die kein anderes Kleidungsstück mehr hat als eine Krone von Dornen, in der gleichen Ausgestoßenheit, da das Hohngebrüll der Menge zu ihm herauf dringt, in der gleichen Fesselung, die sich leiblich wie geistig nicht mehr bewegen kann. Anfang und Ende schließen sich zusammen und geben der Mitte ihren Sinn: Selig die Armen.
Gott erscheint nicht primär in der Gestalt des Barmherzigen, der den Armen hilft, der durch geistige und leibliche Almosen die religiöse und soziale Not der Menschheit lindern will. Er erscheint ursprünglich in der Gestalt dessen, der so arm ist, daß er nicht helfen kann, sondern auf die Hilfe aller angewiesen ist, – wenn ihm überhaupt zu helfen wäre und man ihn nicht am besten sich selbst überließe. «Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen…; ihr sagt mir: Arzt, heile dich selbst.» Als wollte Gott uns auf die entscheidende Probe stellen: ob wir ihn erkennen in dieser Verkleidung. Danach wird er richten; auf die Lösung dieser Charade ist Himmel und Hölle gesetzt. «Denn ich war hungrig und ihr habt mich nicht gespeist, durstig und ihr habt mich nicht getränkt, fremd und ihr habt mich nicht beherbergt, nackt und ihr habt mich nicht gekleidet, krank und gefangen und ihr habt mich nicht besucht.» Und in großem und ungeheucheltem Erstaunen, ahnungslos, wie und warum hier um den letzten Einsatz gespielt wurde, werden sie fragen: «Herr, wann haben wir dich denn hungrig gesehen oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder gefangen, und haben dir nicht gedient?» Aber die Frage wird nicht gelten, weil Gott sich an den Platz des Ärmsten gestellt hat, alle Armut und alle Armen in sich zusammenfassend, überholend, untergreifend. Alle sind von jetzt an transparent auf ihn hin. Dorthin muß man schauen, um auf Gott zu schauen, dorthin wirken, um zu Gott hin zu wirken, dort hin nachfolgen, um gottähnlich zu werden. Gott hat das nicht getan, um ein moralisches Beispiel zu geben; er hat es getan, um die Welt zu erlösen. Denn darin besteht die Erlösung, daß Christus alles hingegeben hat: seine angestammte Gottheit und seine angenommene Menschheit, Leib, Seele und Geist, das Ganze, das nun ausgepreßt wird wie eine Traube und eine Ölfrucht in der Kelter Gottes, um in der äußersten Auflösung seiner selbst den Wein zu bereiten, den die Menschheit als Versöhnungstrank im Kelch dem Vater anbietet. So ist es; das ist die ganze einfache, gar nicht verstiegene Realität. Und alles, was Christus zwischen Krippe und Kreuz gesagt und getan hat, muß auf diesen Anfang und dieses Ende bezogen werden. Im innersten Zentrum der Christenheit ist verborgen das Geheimnis der vollkommenen Armut. Gold, Weihrauch und Myrrhe werden huldigend diesem Geheimnis zu Füßen gelegt werden, weil es so erhaben ist, daß alle Schätze der Erde nicht hinreichen, es zu preisen und zu verehren. Aber was sind alle Schätze, alle Seligkeiten der Erde, verglichen mit der Seligkeit dieser Armut! Franziskus verstand es, als er jubelnd vor aller Welt seine Kleider auszog und seinem Vater vor die Füße warf, um sich der göttlichen Povertà zu vermählen. Ignatius verstand es, wenn er den Seinen gebot, die heilige Armut wie eine Mutter zu lieben.
Heute ist in der Kirche gar viel die Rede von sozialer Not und sozialer Aktion. Es wäre sehr ungerecht, diese Aktion darum als unchristlich zu verdächtigen, weil sie notwendig «äußerlich» ist und alle Methoden menschlicher Organisationskunst anwendet. Hat nicht Paulus die Caritas für Jerusalem organisiert? Aber immer ist alles Sichtbare ambivalent und fordert die Frage heraus, welcher Geist es beseele. Jeder wird sich für sich selber fragen müssen. Weiß ich – nicht nur, daß meine Liebe zu Gott am Maß meiner tätigen Nächstenliebe gemessen wird (Jak 2,14f.; 1 Joh 3,17: «Wer die Güter der Welt hat und seinen Bruder darben sieht, aber sein Herz vor ihm verschließt, wie kann die Liebe zu Gott in ihm bleiben?»), sondern daß der Dienst am Armen, der all meine Kraft anfordert, ein Huldigungsakt vor der göttlichen Armut der Krippe ist? Hab ich’s erfahren, daß im Niederfallen mit Gold, Weihrauch und Myrrhe vor der Armut sie die Schenkende, ich der Beschenkte bin? Weiß ich, daß ich dem großen Mysterium der Armut Gottes in der Welt nur begegnen kann mit der franziskanischen Armut eines einfach-liebenden Geistes, der innen und außen alles gibt, was er hat? Denn es gibt auch eine falsche und säkularisierte Form der sozialen Arbeit: wenn statt dieser einfachen Liebe in der innersten Gesinnung ein Glaube und ein Wille vorhanden ist, aus der Erde von Dornen und Disteln, aus der Erde, auf der man schreiend gebiert, aus der Erde, über der sieben Zornesschalen triefen, aus der Erde, von der Christus sagt, daß wir auf ihr immer Arme haben werden, eine Art von sozialem Paradies zu machen, und im Wettlauf mit den Kommunisten, die die Erde mit dem Himmel verwechseln, die Rätselaufgabe zu lösen, den Trick zu finden, aus der Welt des Kreuzes eine vermeintliche Welt der bürgerlichen oder proletarischen Herrlichkeit zu gestalten. Es sollte weder innerhalb noch außerhalb der Kirche die Meinung aufkommen können, die Kirche sei dazu gegründet, dazu berufen und dazu befähigt, die soziale Frage zu «lösen» und deren bisherige Ungelöstheit sei ein Vorwurf und Einwand gegen die Kirche. Die Kirche ist dazu da, das Werk Christi fortzusetzen, seine Gnadenquellen fließen zu lassen, seine Lehre von Kreuz und Auferstehung zu bewahren und zu verkünden, und nicht zuletzt, durch das Werk des bitteren Leidens das zu vollenden, «was an den Leiden Christi noch aussteht». Daß ein Aspekt ihres geistlichen Liebeswerkes auch in der Linderung der sozialen Not besteht, ist klar. Aber wie der Herr fast wahllos und ganz unsystematisch die Kranken und Besessenen heilte, die ihm gerade über den Weg liefen, und diese Heilungen, ärztlich und sozial gesehen, eine kaum merkliche Linderung für Krankheit und Armut der gesamten Menschheit bedeuteten, so wird auch die soziale Aktion der Kirche immer mehr ein Symbol ihrer wahren inneren Hilfe sein als ein organisierter Feldzug gegen die apokalyptischen Reiter. Wäre sie das, so würde sie damit letztlich Gott widerstehen. Gott liebt die Armen, weil sie arm sind und darum Sinn und Raum für die Gnade haben. Er liebt die freiwillig Armen, weil sie sein Los teilen wollen, und die unfreiwillig Armen, weil sie nicht anders können, als sein Los teilen. Und wenn die Christen sich zu den Armen neigen, dann sollen sie es tun mit dem Wissen, daß sie sich vor der realen Gegenwart des Herrn in der Welt verneigen, um in ihnen, den Seliggesprochenen, die Wunde zu verbinden, die die Sünde der Liebe Gottes geschlagen hat. Vielleicht ist die Zeit nicht ferne, da die stolzen Türme unserer katholischen Organisationen für verschiedenartigste Wohlfahrt unter dem Ansturm der gottfeindlichen Welt zusammenbrechen oder einfach von den viel raffinierteren Methoden ihres Organisierens überrannt werden. So gut und so christlich unsere Einrichtungen sind, Gott kann uns doch ihrer berauben, um uns tiefer erkennen zu lassen, was es heißt: Selig die Armen im Geiste. Geben ist seliger als nehmen, solange man etwas besitzt. Hat man aber nichts mehr, dann ist das seligste das Wissen, daß auch der Menschensohn nichts hatte, wohin sein Haupt legen, und daß er gerade in seiner Preisgegebenheit der letzten Verarmung alle heimgeführt hat ins Reich seines Vaters.
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