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Die Erscheinung der Mutter
Hans Urs von Balthasar
Originaltitel
Die Erscheinung der Mutter
Erhalten
Technische Daten
Sprache:
Deutsch
Sprache des Originals:
DeutschImpressum:
Saint John PublicationsJahr:
2026Typ:
Artikel
Quellenangabe:
Schweizer Rundschau 44 (1944): 73–82.
Gesetz war das Wort, das über dem ersten, dem Alten Bündnis Gottes mit uns stand. Auf steinernen Tafeln wurde es eingeritzt, und diese in der Bundeslade, dem Mittelpunkt des Heiligtums, beschlossen, zu dem das auserwählte Volk, das fleischliche, pilgern müsste. Über diesen Tafeln aus Stein thronte die Herrlichkeit Gottes, vor ihnen neigten sich links und rechts die Cherubim, und Hunderte von Gesetzen, Gebräuchen, Vorschriften ergänzten die heiligen Zehn. Aber weder wir noch unsere Väter – so verkündet Petrus auf der ersten Apostelsynode – vermochten dieses Gesetz zu halten, das nach Pauli Wort erlassen worden war, um die Last Gottes auf den tragunfähigen Schultern des Menschen fühlbar zu machen und ihn vor der verheißenen Gnade tief in den Staub der eigenen Schuld zu beugen.
Die Gnade kam, und sie kam nicht in Gestalt eines neuen Gesetzes, sondern einer Person. «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Unser Schicksalsweg, in all seinen Windungen und Fährnissen, ist fortan keine irdische Straße mehr, sondern ein göttliches Du in Menschengestalt; unsere Wahrheit, die Idee und der Sinn unseres Daseins, ist kein System von Sätzen und Normen mehr, sondern ein Jemand, der unser Dasein wahr spricht; unser Leben ist kein biologisches Faktum mehr, sondern die Lebendigkeit des persönlichen Gottes in uns als den Gliedern seines menschlichen Leibes. So ist die Wendung zum Neuen Bund der Übergang von der Abstraktheit des Gesetzes zur Konkretheit des Personalen, und darum wird die kühle Strenge des Gebots ersetzt durch die feurige, höhere Strenge der Liebe. Keine andere Norm steht mehr über der Welt, keine andere Ideenwelt, kein anderes transzendentales Subjekt, als die Person Jesu Christi, auf dessen freien wählenden Liebeswillen alle menschliche Frage nach dem letzten Warum zurückgehen muß.
Aber der Herr kam nicht in die Welt, um allein zu bleiben, sondern um seine Kirche zu gründen, die, selbst erlöst, teilhaben sollte in Amt und Charisma an der Verteilung der Gnade. Gebaut wurde diese Kirche mit «auserwählten und lebendigen Steinen», geschrieben wurde das neue Liebesgesetz auf «lebendige Tafeln der Herzen», die «Fundamente» bilden lebendige Menschen: die Apostel, «Säulen der Kirche», die das ganze Gebäude tragen, sind jene vier Gewaltigen, die in ihrer Personalität, ihrer repräsentierenden menschlichen Besonderheit die vier Dimensionen des Baus aufs allergenaueste abstecken: Petrus, das «Amt», und Johannes, die «Liebe», Paulus, die «Freiheit der Gnade», und Jakobus, die «Bindung des Werkes». Und auf einem dieser Viere, auf dem «Felsen», ruht das Ganze unerschütterlich auf und berührt – im Amtlichen – den göttlichen Grund. So sind die Prinzipien, die Paragraphen der neuen Gründungsurkunde selbst lebendige Menschen; und immer wieder wird, im Verlauf der Kirchengeschichte, aller Fortschritt und alles Leben von Menschen ausgehen, die als auserwählte Gesendete Gottes in Amt und Stellvertretung zu lebendigen Kristallisationsgesetzen für die Menge werden. Denn die Erlösung beruht auf persönlicher Stellvertretung, und die Liebe, die der Herr uns auftrug, an der man uns, seine Jünger, erkennen muß, und die den Leib der Kirche aufbauen soll, bis das «Vollalter Christi» in der Menschheit erreicht ist, diese Liebe kann keinem andern Gesetz gehorchen, als dem des Herrn selbst: «Er hat uns geliebt und seine Seele für uns als Pfand eingesetzt; darum müssen auch wir unsere Seele für unsere Brüder einsetzen.» Die Stellvertretung setzt sich fort. Ein Ordensgründer ist keineswegs nur das erste Glied einer Reihe, primus inter pares, während die Einheit seines Werks bloß in der Einheitlichkeit einer Idee oder gar einer geschriebenen Regel bestünde: vielmehr wurzelt das ganze Gesetz in seiner Person und seinem innersten Herzblut (wie auf Bildern der Baum aus Jesses Brust hervorgeht), und er ist es, als immer weiter wirkende Person, der in den spätesten Zweigen sich ausblüht. So könnten wir in der Tat den Aufbau der Kirche vergleichen mit dem kosmologischen Weltbild der Antike oder vielleicht auch der modernen Astrologie, wo abstrakte Gesetze der Natur – mit denen der «wissenschaftliche» Mensch sich beschäftigt und bei denen er sich befriedigt – nur der Ausdruck einer lebendigen, vielleicht sogar personal gefaßten kosmischen Potenz sind, die als solche von der Vorsehung einen bestimmten Bereich der Schöpfung als ihre Domäne zugewiesen erhielt. Paulus selbst hat von diesen «Kräften und Mächten» ja persönlich genug gesprochen, wenn er sie die «rectores mundi» nennt, als daß eine solche personale Kosmologie einfach von der Hand zu weisen wäre. Doch wie dem auch sei: Sicher ist der Kosmos der Gnade, die Kirche, auf solchen lebendigen Säulen erbaut, die als solche nicht etwa Personifikationen, «Archetypen», gnostische Äonen oder Sophien sind, sondern einfache, historische Menschen waren und sind wie wir.
Erhaben über alle Genannten hinaus ist die Mutter des Herrn. Ihr wurde, ausgehend von der schlichten geschichtlichen Rolle, leibliche Mutter der menschgewordenen Gnade zu sein, das Amt der kirchlichen Mutterschaft übertragen. Je tiefer wir in ihr unergründliches Geheimnis glaubend und betend eindringen, um so unwiderleglicher wird uns die Notwendigkeit dieses Zusammenhangs. Mutterschaft erschöpft sich nicht in einer physiologischen Tatsache: Herz und Seele der Mutter werden zum Einzugsgebiet der jungen Quelle, die sich in ihr bildet und sammelt. Maria aber ist, wie das Konzil von Ephesus gegen jeden Versuch einer Trennung von Gottheit und Menschheit in Christus feierlich definierte, Theotokos, Gottesgebärerin: ihr Muttersein bezieht sich ausdrücklich auch auf die Gottheit ihres Sohnes. Darum mußte sie die Allreine sein – denn wie sollte Gott aus einer getrübten Quelle fließen? –, darum mußte ihr geistiges Jawort eingeholt werden bei dieser Hochzeit zwischen göttlicher und menschlicher Natur. Wieder zeigt sich hier das Personale: Menschwerdung Gottes ist kein abstrakter, physischer, naturgesetzlicher Vorgang, sondern ein Liebesbund und eine freie Vermählung. Die gesamte Menschennatur, mit der sich Gott im Neuen Bunde verlobte, ist nicht ein formloses Neutrum: in der Jungfrau, die Gott sich erwählte, tritt sie ihm, wahrhaft stellvertreten, entgegen: von seiner auswählenden Gnade befähigt, spricht sie «loco totius generis humani» (Thomas) das freie Ja zu Gottes erlösendem Ratschluß. Kein gleichberechtigtes, kein emanzipiertes Ja, sondern das Ja der Magd, daß des Herrn Geheiß sich über ihr erfülle; das Ja der Demut und der Selbstvernichtung. Aber ein Ja, ohne das wir nicht Erlöste wären und um dessentwillen alle Geschlechter die Mutter seligpreisen.
Das ist ihre Rolle in der Christenheit: durch die vollendete Reinheit ihres Jaworts der Welt ihren Sohn zu schenken, das Leben der Gnade zu vermitteln. Dort wo die Männer Fels und Säule sind, dort ist sie das Herz. Die Männer haben ihr Amt: sie gehen darin auf, ihr Herzblut, ihre Subjektivität verströmt sich in die Aufgabe hinein, ihr Leben ist Werkzeuglichkeit, sie leben nicht mehr, Christus lebt in ihnen, sie sind der Mund und die Hand des Logos. Nicht so die Mutter. Denn die Frau hat kein Amt, ihr Beruf fällt zusammen mit ihrer Weiblichkeit, sie leistet nicht durch Werke, Pläne und Programme, sie wirkt durch sich selbst. Wenn der Mann auf Christus hinzeigt, dann weist er von sich weg, und die ganze Glut seiner Seele sammelt sich in seinem Finger: Ecce agnus dei. Aber wenn die Mutter auf ihren Sohn zeigt, dann muß sie sich selber zeigen. Sie selber muß erscheinen, um auf das Werk der Gnade zu weisen. Es ist nicht Eitelkeit, wenn eine schöne Frau sich unter Menschen zeigt, um mit dem Strahl der Schönheit zu wärmen und zu beglücken. Warum sollte sie die Anmut verbergen, die Gott ihr zur Bereicherung der Welt gegeben hat? Um nicht selbst in Versuchung zu fallen, oder andere hineinzuführen. Gewiß. Um ihre Demut nicht zu gefährden. Denn noch immer ziemt weiblicher Schönheit der Schleier. Aber die Mutter des Herrn, was hätte ihre Demut zu fürchten? Wen könnte ein Blick auf die vollendete Reinheit trüben? Wenn schon der Blick in den blühenden irdischen Mai uns reinigt vom muffigen Winter unserer Schuld, um wieviel mehr die Schau des ewigen, geistigen Frühlings? So darf die Mutter sich zeigen und das Schönste uns nicht vorenthalten, das Gott erschuf, und das er eigens für uns erschuf. Wäre sie, wie wir andern, in Gefahr, sich an der eigenen Schönheit zu betören, so hätte Gott ihr, wie uns andern, die Demut wie einen grauen verhüllenden Mantel umlegen müssen. Aber als Mutter der Gnade weiß sie, daß alles, was ihr geschenkt ist, Gnade des Sohnes bleibt: so darf sie sich zeigen, um durch sich selbst ihren Sohn zu weisen. Sie hat, um ihren Sohn zu offenbaren, nichts als ihr eigenes Sein. Ihr Wesen ist das Mittel ihrer Wirkung. Sie offenbart sich uns, sie bietet sich den Blicken der Welt, durchsichtig bis ins Letzte, damit wir durch sie den Vater im Himmel preisen. Sie weiß, wer sie ist: «Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.» «Ich bin die Königin des Rosenkranzes.» Sie kann es wagen, sogar ihre Demut zu zeigen, wie man ein Kleinod zur Schau trägt; denn nur die Sünde macht befangen. Sie braucht sich nicht zu scheuen, mit dem Rosenkranz am Arm zu erscheinen, das Gebet zu empfehlen, das scheinbar an sie selbst gerichtet ist. Denn sie selber ist ja ganz durchscheinendes Gebet, sie selber ist das Rosenkranzgebet, indem sie «ohne Unterlaß die Worte» ihres Sohnes «in ihrem Herzen bewahrt und hin und her bewegt»; wenn sie uns einladet, zu ihr zu beten, so ist es darum, weil wir dann mit ihr beten, an- und eingeschlossen sind in ihr vollkommenes Gebet. Während Bernadette vor ihr kniend den Rosenkranz betet, läßt sie selbst die Perlen durch die Finger gleiten und neigt das Haupt bei jedem Gloria Patri. Nichts bezieht sie auf sich selbst, sie leitet nur über zum Sohn und zum Vater.
Überhaupt ist sie die Vermittlung. Sie ist nicht Gott wie ihr Sohn, sondern Mensch wie wir, und verstehende Frau dazu, aber als solche auf die «andere Seite» entrückt, in eine Einheit des Wirkens und Leidens mit ihrem Sohn, der nur die Einheit von Mann und Frau vergleichbar ist. Sie ist als Mutter die Mitte, sie «bringt ihn zur Welt» im vollen Doppelsinn des Wortes, sie stellt vermittelnd den unmittelbaren Kontakt her. Sie führt den Sohn in die Welt ein, wie man einen Fremden eingewöhnt in ein neues Haus: sie lehrt ihn sprechen, denken, beten, zeigt ihm die Handgriffe, deren wir uns zum Leben bedienen, in ihrem Schatten nimmt er zu an Reife und Weisheit vor Gott und den Menschen, sie gewöhnt Gott an den Menschen, sie fügt ihn ein in die langen Traditionen der Menschheit, sie lehrt seinem göttlichen Herzen die unscheinbare menschliche Liebe. Aber gleicherweise führt sie die Menschen dem Sohne zu, stellt sie ihm vor, legt die menschliche in die gottmenschliche Hand. Sieht es, wenn wir keinen Wein mehr haben, und sagt es ihrem Sohne. Ringt ihm das Wunder der Wandlung ab. Läßt es zu, daß der Sohn in der Stunde der großen Nacht am Kreuz sich ihr entzieht, um sie ebendamit zur Menschheitsmutter zu machen. So ist sie die lebende Vermittlung auch zwischen Himmel und Erde. Sie denkt im Himmel irdisch, auf Erden himmlisch. An ihrem Mantelzipfel ergreift die Christenheit das ungefürchtete Jenseits nah und gegenwärtig, und gar nicht «eschatologisch». Sie ist der fast leibliche Wohlgeruch Christi auf Erden.
Darum ist sie seit alters in ihren unzählbaren Erscheinungen die eigentliche Epiphanie des Herrn in der Welt. Mehr als irgendeiner andern Person der Kirche fällt ihr die Rolle zu, stets von neuem die Schleier, die uns die Aussicht nach drüben verhängen, zu lüften. Sie ist die vollkommene Botschafterin. Denn einerseits identifiziert sie sich mit dem Auftrag, auch wenn er schwer ist, wenn er ihr völlig gegen die Natur geht. Was hat sie, die Mutter der Barmherzigkeit, mit dem Gericht zu tun? Sie weiß kaum, was das bedeutet, zu richten. Und weiß es doch wieder so gut, daß man sie bei den letzten großen Erscheinungen nie ohne Trauer und Tränen erblickt hat. Denn in der Tat, wenn sie Trauriges meldet, dann drückt ihre ganze Erscheinung vollendete Trauer aus: sie weint vor Catherine Labouré, der jungen Novizin von der Rue du Bac in Paris, die sie 1830 besucht, sie weint sechzehn Jahre später auf dem kahlen Berggipfel von La Salette, auf einem Stein sitzend, das Gesicht in den Händen vergraben, heiße Tränen, so daß die beiden kleinen Hirtenkinder Melanie und Maximin erschrocken glauben, es sei eine von ihren Kindern aus dem Tal vertriebene Mutter. Und wieder zwölf Jahre später schaut in der Höhle von Massabielle ein Mädchen die Trauer der Mutter, und die Menge, die an Bernadettes Zügen hängt, sieht diese sich sterbensbleich verwandeln und Tränen der Angst um die Welt ihren Augen entstürzen. Dann ist es, 1871, der Winterabend in Pontmain, an welchem vier kleine Kinder, umstanden vom ganzen Dorf, das unglaubliche Schauspiel am Nachthimmel sich abspielen sehen: die Mutter im dunkelblauen, sternübersäten Gewand, über dem seitlich ein schwarzer Schleier unter der goldenen Krone herabfällt; immer neue Kreuze umstehen ihre Gestalt, bis ein hellrotes Kreuz aus Blut vor ihr steht, an welchem, dunkelrot, ihr gekreuzigter Sohn mit seitwärts geneigtem Haupt hängt; die Mutter aber faßt das Kreuz unter den durchbohrten Füßen, «elle tombe toute en humilité», berichten die Kinder, und schaut mit so unsäglicher Trauer auf ihren Sohn, daß die Trauer der Mutter von einem der Kinder, das kurz darauf seinen Vater verlor, damit verglichen ihm wie nichts erschien. Und noch einmal, in Fatima, an einem hellen Mittag 1917, Tränen und Trauer der schönen Dame über die Welt, ihre Blindheit und die drohende Strafe, die sie erwartet. So sehr ist die Botschaft von Sünde und Gericht ihre eigenste Sorge, daß alles an ihr Ausdruck ihrer Traurigkeit wird. Aber wenn sie von Gnade redet, was für ein Licht! Ein Strahlenmeer erwartet Catherine, als sie, geheimnisvoll aus dem Schlaf gerufen, in die mitternächtliche Kapelle kommt, Licht umstrahlt die Mutter von neuem in La Salette und Lourdes, die Kinder von Pontmain klatschen, fassungslos vor Glück, in die Hände und rufen entzückt: oh que c’est beau, oh que c’est beau!, und Lucia von Fatima, das ganz in blendendes Licht getaucht ist, weiß zu berichten: «Sie war Licht, Licht, Licht!» Sie spricht von Gnade, und lächelt dabei mit einem Ausdruck von so überhimmlischer Schönheit, daß keines der Kinder, das sie gesehen hat, je wieder irdische Lust zu spüren vermochte, auch der wilde Maximin nicht, der am Abend seines abenteuerlichen Lebens, befragt, warum er keine Frau geliebt, antwortete: wer die Schönheit der Mutter erblickt habe, könne auf keine andere Schönheit mehr blicken. So drückt sie – Schmerz oder Freude – ihre Botschaft aus.
Und doch ist sie keineswegs der willenlose Dolmetsch eines fremden Auftrags. Sie erscheint als Botin ihres Sohnes, aber sie verfolgt dabei ihre eigenen Ziele. Sie hat ihren Plan, sie wagt, wie eine Königin im Schachspiel, ihren eigenen kühnen Zug. Die Menschen, sagt sie sich, wollen auf meinen Sohn nicht hören; aber werden sie widerstehen können, wenn ich mich selber zeige? Wenn sie an mir mit Augen sehen, was sie angestellt haben? Wenn ich ihnen selber erzähle, daß es die letzte Stunde der Gnade ist, daß Buße und Bekehrung nicht leere Worte sind, sondern die allerdrängendste Notwendigkeit? Wenn sie erfahren, welche Schlachten im Himmel geschlagen werden, tagtäglich, zwischen der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, und daß ich, wenn ich von ihnen nicht schleunige Hilfe und Nachschub erhalte, meinen Platz nicht länger behaupten kann? So denkt und überlegt sie und erfindet tausend Listen, um die steinernen Herzen der Menschen zu rühren.
Sie versteht es so gut, ihre Erscheinung glaubhaft zu machen, daß nur die finstersten Aufklärer sich gegen die Evidenz ihres Lichts zur Wehr setzen können. Sie erscheint nicht vor sogenannten «fortgeschrittenen Seelen», sondern vor den allerbescheidensten, wenn sie nur schuldlos und rein sind. Sie fährt herab wie ein Blitz vom Himmel, unangesagt, nicht im geringsten erwartet. In Lourdes schickt ein Mädchen sich an, ihre Strümpfe auszuziehen, um durch den Fluß zu waten, in La Salette reiben sich zwei Hirtenkinder, die kaum das Vaterunser wissen, eben den Mittagsschlaf aus den Augen, in Fatima spielen drei Kleine irgendein lustiges Spiel. Das Erscheinen der Himmlischen, weit entfernt, von den kleinen Gemütern erwartet zu werden, versetzt sie zuerst in Angst und Schrecken. Aber schnell ist mit einem Fürchtet euch nicht! der Bann gebrochen, und die Augen der Kleinen hängen an den Lippen der schönen Frau, auch wenn sie noch lange nicht wissen, wer sie im Grunde ist. Was diese Lippen erzählen, ist nie abstruse Offenbarung verborgener Dinge, nach denen die Neugier der Menschen lüstet. Was sie uns sagen, ist unendlich einfach, so einfach, daß im Grunde jeder, der den Herrn und seine Liebe kennt, es wissen könnte und sollte. Und doch haben wir es alle vergessen und es wirkt, aus dem Munde der Mutter, wie eine neue Wahrheit. Von ihr gesprochen wird das Längstbekannte plötzlich fremd, als hätten wir es nie gewußt, und wir müssen ganz von vorn beginnen, es uns anzueignen. Oft sagt sie Dinge, die die Kinder nicht verstehen, und die für die Großen bestimmt sind. So muß Bernadette auf dem ganzen Heimweg das unverständliche Wort Immaculée Conception vor sich hersagen, um es nicht zu vergessen; denn was es bedeutete, wußte sie nicht. Immer aber erhalten die Kleinen, die die Botschaft der Mutter an das Volk zu vermitteln haben, ein persönliches Geheimnis zum Eigengeschenk. Auch daran erkennen wir das Wesen der Mutter, die keinen Menschen anspricht, ohne ihm ein persönliches, nur ihm allein anvertrautes Geschenk zu überlassen; ist sie doch selbst der versiegelte Quell, der verschlossene Garten. Vielleicht auch ist es ein Geheimnis für den Papst allein, denn enge Fäden spinnen sich zwischen der Unbefleckten und dem amtlich Unfehlbaren. Die große Menge sieht sie nicht, aber die kleinen Seher sind für sie vollgültiger Ersatz. Die Schau der Mutter wandelt sie in Heilige: sie leben fürderhin nur noch für Buße und Gebet. Wer ist nicht im tiefsten erschüttert worden, als er vom Büßerleben der Kinder von Fatima las? Die Kleinen schauen, das ist der Menge, die sie betrachtet, unwiderleglich klar. Oder was sollen wir sagen, wenn am Nachthimmel von Pontmain die große Schrift sich entrollt und die Kinder wie in der Schule an der Wandtafel buchstabieren: Mon Fils se laisse… – erst lasen sie falsch: se lasse, und ein Schaudern ging durch die Zuhörer – se laisse toucher? Das überirdische Gesicht Bernadettes, auf der das Geschaute und Gehörte sich abbildet wie eine Feuersbrunst auf der nahen Wand, läßt alle Betrachter die Vision wie im Spiegel erleben. Und schließlich, um auch die Fernstehenden zu überzeugen, sprudelt am Gnadenort eine plötzliche Quelle hervor, oder ein Baum blüht auf, oder siebzigtausend Menschen erleben das Sonnenwunder. All das geht öffentlich vor sich, am hellen Tag; ist es dafür gesorgt, daß nicht nur die widerstrebenden kirchlichen Behörden gezwungen werden, nach peinlichster Inquisition sich endlich überzeugen zu lassen, sondern auch die zivile Obrigkeit in das Spiel hineinbezogen wird, um schließlich, wenn sie nicht zugibt, sich vor aller Welt lächerlich zu machen. Sanft und sicher hat die Mutter erreicht, was sie wollte: die Wallfahrtskirche steht und unabsehbare Scharen pilgern zur Stätte, an der sie ihre Gnaden zu schenken beschloß.
Hat sie es wirklich erreicht? Und was wollte sie denn im Grund? Was war der Sinn ihrer Botschaft? Kein neues Evangelium, gewiß. Die Offenbarung ist abgeschlossen mit dem Tod der Apostel. Auch keine frivole Enthüllung der Zukunft. Wenn sie gelegentlich leise den Schleier des Kommenden lüftet, so geschieht es nie, um unsere Neugier zu stillen, sondern einzig, um die Dringlichkeit ihrer Botschaft zu unterstreichen. Spricht sie von der Zukunft, dann bleibt diese eingehüllt von einem großen WENN. Alles, was sie kündet, hat die Form einer Bedingung: Wenn ihr euch bekehrt, wird der Friede geschlossen. Wenn ihr Buße tut, vermag ich das Schwert in der Hand des Richters von euch abzulenken. Wenn ihr betet und euch weiht, wird ein großes Reich sich bekehren… Nur weil diese Bedingung besteht, erscheint sie. Sie braucht uns, unser Jasagen und Jatun, um der Barmherzigkeit zum Sieg zu verhelfen. Sie weint vor der Welt, weil die Welt nicht will, aber auch – o der fraulichen List! – um durch ihre Tränen die Welt zum Mitleid zu zwingen. Wir blicken hinein in die Geheimnisse der Weltlenkung. Nichts ist ein für allemal entschieden. Es gibt keine Fatalität. Jeden Augenblick läßt Gott sich von seinen Kindern bestimmen. «Alles, worum ihr den Vater in meinem Namen bittet, wird er euch geben.» Uns ist das Rad der Weltgeschichte in die Hand gelegt; wir können, dürfen und müssen mitbestimmen. Jeder Augenblick ist eine Wegkreuzung nach rechts und links; jede Minute eine Entscheidung. Nie kündet die Mutter das nahe Gericht, ohne den Ausweg der Gnade zu zeigen. Nie aber zeigt sie die Gnade anders, als indem sie uns gänzlich anfordert.
Sie braucht uns, wir sollen mittun. Nicht irgendwelche mechanischen Zeremonien braucht sie, die wir zerstreut verrichten, um uns dann für quitt zu halten, keine Allerweltsweihe an das Herz Marias, bei der man Lieder singt und eine Formel betet und dann im Glauben auseinandergeht, nun werde sich Rußland bekehren. Weihe ist etwas sehr anderes. Bevor der Herr ins Leiden ging, betete er zum Vater: «Ich weihe mich dahin für sie, damit auch sie in Wahrheit geweiht seien.» Weihe bedeutet in diesem Satz untrennbar beides: Heiligung und Opfer. Heiligsein aber heißt: auserwählt sein aus der Welt zu reinem Dienst Gottes. Opfer heißt: in diesem Dienst verbraucht und aufgezehrt werden. Solche Weihe nennt Christus seine Verherrlichung durch den Vater, denn eben indem sich der Sohn vor dem Vater wie ein Weihrauchkorn verzehrt, wird dieser verherrlicht und verherrlicht er hinwieder den Sohn. Durch die Weihe des Herrn aber sollen auch wir, wie er sagt, in Wahrheit geweiht sein. Also geweiht wie er: zu Heiligkeit und sühnendem Opfer. Solche Weihe war Sinn und Gehalt des Lebens seiner Mutter; und was kann es bedeuten, ihr geweiht zu sein, wenn nicht dies: in ihrem Herzen beschlossen ihre Opferweihe mitzuleben?
Um der Menschheit diese Weihe zu lehren, wird die Mutter zur Kindergärtnerin. Die Kleinen werden ausgefragt, ob sie ordentlich beten. «Pas très, Madame», ist die kleinlaute Antwort. Und nun die Ermahnung, die Einübung ins stürmische und weltverwandelnde Gebet. Derselbe Elementarunterricht in Buße und Opfer, mit der Wirkung, daß die kleinen Schüler zum Erstaunen aller Erwachsenen sogleich zur höchsten Kunst gelangen. Die Kinder verstehen so gut, was die Mutter meint. Sie nehmen einfach alles wörtlich. Sie haben Phantasie genug, um zu verstehen, daß wenn die Mutter solchen Kummer hat, alles getan werden muß, was ihr Freude macht und sie tröstet. Die Kinder sind unsere Lehrmeister, sie sind die Mittler zwischen uns und der Mutter (wie sollte sie es nicht mit den Kindern halten, heimlich mit ihnen verschworen, gegen alles, was sich erwachsen gebärdet?), die Kinder schauen, was unsere schuldgewohnten Augen nicht mehr sehen können, für sie ist Glauben und Schauen eins. Vielleicht war die Mutter selbst immer ein Kind; wenn sie erscheint, zeigt sie sich in einer so strahlenden Jugend, daß man sie oft für ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren hält. Sie hat nichts von jenen schweren Göttinnen der Heiden, umgeben von den magischen Gerüchen allzu irdischer Weiblichkeit. Alles an ihr ist leicht und schwebend, ein Klang und ein Duft, durchsichtig, ahnungsvoll und weiterweisend, sie ist nichts als der Strahlenglanz ihres Sohnes. In ihrem Erscheinen versteht sie es, ebenso unmittelbar auch zu verschwinden, um ihrem Sohne den Platz zu lassen. Aber dieser verdrängt sie nicht durch sein Kommen, sein Erscheinen ist nicht wie das Erscheinen der Sonne, die den Morgenstern überstrahlt. Vielmehr erscheint in ihm – der ein Werk der Mutter ist und Fleisch von ihrem Fleische – die Mutter selbst. Im Reich der Liebe drüben ist Kommen und Entschwinden eins: Vado et venio ad vos! Beides aber ist Offenbarung des Vaters, der im Erscheinen des Sohns und der Mutter erscheint «wer mich sieht, sieht den Vater» –, und den vollends erscheinen zu lassen, sie sich selber durchsichtig machen, auf daß der «Vater der Lichter, von dem alle gute Gabe herabsteigt», alles in allem sei.
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