Die Exerzitien des hl. Ignatius haben als Hauptzweck, Menschen mit einer Berufung in den Wurzelbereich zu führen, wo Kirche gleichsam erst im Entstehen ist aus dem Wirken Christi und derjenigen, die seinen Ruf zur Nachfolge hören und «ihre ganze Person für jene Mühen anbieten» (Ex. 96).

Das Exerzitienbuch räumt auf mit Hunderten von frommen «Anweisungen zur Vollkommenheit», von denen das hohe und späte Mittelalter wimmelt, indem es rücksichtslos praktisch den Suchenden mitten ins Evangelium stößt und ihn dort mit Christus, mit dem zu ihm sprechenden dreieinigen Gott allein lässt. Stößt, sage ich, und damit einer dort wirklich ankommt, muss er zunächst von seinen Illusionen über sich selbst, seinen Einbildungen und Sünden entkleidet werden, damit er nudus nudum Christum folgen kann. Damit Gottes Wort, das Christus ist, ihn persönlich und hautnah zu treffen vermag. Nicht irgendwo, peripher, sondern im Zentrum seiner Existenz, so dass der Anruf zum lebensentscheidenden Ereignis wird.  

Dieses Ereignis der Wahl bildet den einzigen Mittelpunkt, Sinn und Zweck der Exerzitien, mit vielen umsichtigen Weisungen (zum rechten Vollzug der Wahl) umgeben, während alles übrige nur auf das Mitabschreiten des Weges Christi abzielt: Menschwerdung, Geburt, verborgenes und öffentliches Leben und Wirken, Passion, Auferstehung mit den kirchengründenden Erscheinungen. Was sich ereignen soll, ist das, was sich damals am Jordanufer begab. «Als Jesus vorüberging» (und Ignatius betont nachdrücklich, dass Jesus nicht irgendwo stationiert ist, sondern immer vorübergeht [Ex 280 usw.]), «blickte Johannes auf ihn und sagte: Seht das Lamm Gottes. Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und sehend, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was sucht ihr?» Und auf die Gegenfrage: «Rabbi, wo wohnst du?» antwortet er: «Kommt und seht» (Joh 1,36-39). Entscheidet euch zum Kommen (und das besagt: «Alles liegen lassen» Lk 5,11), dann werdet ihr sehen. «Und sie gingen mit und sahen… und blieben.»  

Was sich damals begab, ist nicht nur ein Vorbild, es ist genau das, was sich jetzt, hier und heute begibt. Wie das Kreuzesopfer in dieser heiligen Messe gegenwärtig ist, wie der österliche Nachlass der Sünden sich in jeder richtigen Beichte vollzieht [DH, 61-62 (8)].   Solche Sendung erfordert das Jawort des Menschen; einen nicht minder wichtigen Akt als der Akt Gottes, der den Gewählten ruft. Ein Jawort, das eine ebenso rückhaltlose Hingabe an den Ruf verlangt, wie der Ruf sich rückhaltlos und zwingend an den Berufenen wendet. Aber die beiden Worte: das Gottes und das des Menschen, sollen sich nicht wie zwei gleichberechtigte gegenüberstehen, vielmehr wird vom Menschen nur die Aufnahme von Ruf und Sendung verlangt, somit der schlichte Mitvollzug des ewigen Ja Gottes zu ihm. Die Antwort hat aufzugehen und unterzugehen im Wort der Berufung und mit ihm zusammen eine unauflösbare Einheit zu bilden. Der menschliche Akt der Berufswahl hat nichts anderes zu sein als die Anerkennung der über ihn verfügten Wahl Gottes. In diesem Sinn ist bei Ignatius von Erwählung (elección) die Rede [Ex 18, 163 usw.], wobei nicht einmal als nötig befunden wird, den einheitlichen Akt in einen göttlichen und menschlichen zu unterscheiden. Die Bemühung zielt einzig darauf, dass der Mensch das wählt, was Gott für ihn wählt, und dass er bereitgestellt ist, die göttliche Wahl erkennen und als erkannte ratifizieren zu können. Menschliche «Vollkommenheit» wird demnach nicht eigens thematisch, sondern erschöpft sich für Ignatius in den beiden Begriffen der Disposition (Ex 1,20 usw.) und der Indifferenz (Ex 23,179 usw.), die zusammen die ungestörte Bereitstellung der Seele ausdrücken, den göttlichen Willen zu umfangen, in welcher Gestalt er sich immer kundgeben mag.

Hans Urs von Balthasar
Weiterführende Literatur
  • Balthasar, Hans Urs von, Exerzitien und Theologie, in „Orientierung“ 12 (1948), 229–232.
  • ―, Texte zum Exerzitienbuch. Auswahl und Einleitung von Jacques Servais SJ, herausgegeben von J. Servais SJ, Freiburg i.Br., Johannes Verlag Einsiedeln, 1993.
  • Genn, Felix, Eine Theologie aus dem Geist der Exerzitien, in „Internationale katholische Zeitschrift Communio“ 34 (2005) 2, 186.
  • Ignatius von Loyola, Die Exerzitien (= Christliche Meister, 45), übersetzt von Hans Urs von Balthasar, Freiburg i.Br., Johannes Verlag Einsiedeln, 152016.