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Rede zur Verleihung des Internationalen Preises Pauls VI.

«L’Osservatore Romano» [dt.], 29.6.1984, 11

Heiliger Vater, 
Eminenzen, 
Herr Präsident des Instituts Paul VI., 
meine hochwürdigen Patres, 
meine Damen und Herren, 
liebe Freunde!

Zunächst darf ich Ihnen, Heiliger Vater, für Ihr Wohlwollen danken. Sie haben es freundlicherweise übernommen, mir den vom Institut Pauls VI. zugedachten Preis zu verleihen, der der Person, dem Werk und der Epoche dieses hochverehrten Papstes seligen Angedenkens gewidmet ist.

Und mit diesem Preis wollten Sie, Herr Präsident, die Arbeit würdigen, die ich für unsere heilige Kirche zu tun versucht habe.

Erlauben Sie mir, in wenigen Worten zu beschreiben, wie ich diese mehr begonnene als beendete Arbeit selber verstehe.

Bei dem, was mir wichtig scheint, möchte ich drei Ebenen unterscheiden, deren erste die mir bei weitem wichtigste ist.

Auf die Bildkarte meiner Priesterweihe, welches den Liebesjünger an der Brust Jesu zeigt (Abendmahl von Dürer), habe ich drei Worte setzen lassen:

Benedixit, fregit, deditque
„Er segnete, brach und gab“

Dieses «Brechen» vollzog sich bei mir, als ich, um einer ausdrücklichen Weisung des hl. Ignatius zu gehorchen, meine geistliche Heimat, die Gesellschaft Jesu, schweren Herzens verlassen musste, um eine Art Weiterführung seiner Idee in der Welt zu verwirklichen. Das hat uns der hl. Johannes gezeigt, der geradezu ideale Jünger und «Geselle» Jesu, der als einziger bis zu dessen Ende bei ihm geblieben ist und am besten verstanden hat, dass jeder kirchliche Gehorsam seine Grundlage im Gehorsam des Sohnes hat, der uns durch seinen Gehorsam die dreieinige Liebe offenbart. Jener, für den das Licht die Abgründe der Finsternis durchdringen muss. Der, dem der Gekreuzigte seine Mutter, die unbefleckte Kirche, anvertraut; auch der, dessen Evangelium der Liebe in der Hervorhebung des Petrus gipfelt. Petrus hat seine größere Liebe zu bekennen und die Ankündigung seiner eigenen Kreuzigung zu vernehmen, um so dem Guten Hirten nachfolgen zu können. Johannes ist darum derjenige, der – selber verschwindend – Maria mit Petrus eint. Er ist unserem Institut, das aus drei Zweigen – Priestern, Männern und Frauen – besteht, als Ideal vorgestellt. Dieses noch im Aufbau begriffene Institut möchte also katholisch im weitesten und theologischsten Sinn des Wortes sein.

Deshalb versuchte ich, zweitens, soweit als möglich den Sinn dieser Katholizität durch Übersetzung dessen zu konkretisieren, was mir aus der großen theologischen Tradition notwendig erschien, dass Christen von heute es kennen und sich aneignen. Ich habe mit den apostolischen Vätern Irenäus, Origenes, Gregor von Nyssa, Maximus und Augustinus begonnen, bin zum Mittelalter – mit Anselm, Bonaventura, Thomas und den großen englischen und flämischen Mysti­kern – übergegangen, um bei Dante, Katharina von Siena, Johannes vom Kreuz, Bérulle, Pascal, und schließlich in unseren Tagen anzukommen: bei Theresia von Lisieux, Madeleine Delbrêl, Claudel, Péguy, Bernanos, Kardinal de Lubac (10 Bände) und Adrienne von Speyr (60 Bände). Die größten und geistlichsten un­serer Brüder und Schwestern bekannt zu machen: das schien mir im Geist dessen zu sein, den man den «Theologen» schlechthin nennt, Johannes.

Und damit komme ich, drittens, zu meinen eigenen, leider allzu zahlreichen Werken, bei denen ich nur drei Tendenzen herausstellen möchte.

1. Nachdem ich den einzigartigen Cha­rakter Christi im Verhältnis zu allen an­deren Religionen erhellen und damit aufzeigen wollte, dass die ganze philoso­phische Anthropologie nur im Licht des vollkommenen Menschen, des Sohnes Gottes, gipfeln kann, der uns die Mög­lichkeit gab, über unsere sterbliche Geburt hinauszukommen in eine Neugeburt zum unsterbli­ch-dreifaltigen Leben, be­stehe ich auf der Untrennbarkeit von Theologie und Spiritualität, deren Tren­nung das schlimmste Unglück ist, das die Geschichte der Kirche ereilt hat.

2. Desgleichen gibt es eine strenge Ein­heit zwischen den theologischen Trakta­ten. Keine Christologie ohne Trinitätslehre (und vice versa) und auch nicht ohne die Heilsge­schichte seit dem Glauben Abrahams bis hin zur Kirche; und keine Menschwerdung des Wortes ohne Kreuz und Auferstehung. Man muss also reagieren gegen eine sich «wissenschaftlich» nennende Zerstückelung sowie gegen jeden neuplatonisierenden Spiritualismus auch noch so sublimer Mystik.

3. Es scheint mir notwendig, auf der Theologie der evangelischen Räte zu be­stehen und zu zeigen, dass sie keine Weltflucht bedeuten, wenn man sich dem Heil der Welt in der Nachfolge Christi und seiner eucharistischen Hingabe weiht. Theresia von Lisieux hat das wun­derbar begriffen.

All das führt, wie Sie sehen, zur Idee unseres Instituts, zu dieser ignatianischen Öffnung zur Welt hin, die keinen ande­ren Ausgangspunkt hat als das Kreuz, den Ursprung aller Fruchtbarkeit, das Kreuz, von dem her Christus den ersten jungfräulichen Keim seiner Kirche gestiftet hat: «Frau, siehe dein Sohn…» und «Geliebter Sohn, siehe deine Mutter…», – führe sie in die Mitte meiner Kirche, deren Einheit ich Petrus anvertraut habe!