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Bekenntnis zu Mozart

«NZZ» (13.2.1955), «Dankspende Pro Mozart» (Separatdruck), 9–11

Während wir an der Stirn aller Beethovenschen Musik immer die Schweißtropfen spüren, die sie ihren Erfinder gekostet hat, und an der Bachschen wenigstens die Arbeit, die hinter so viel Tektonik, so viel Zyklopengemäuer stehen muss, scheint das ungeheure Werk Mozarts ohne jede Anstrengung entstanden, schon als ein vollkommenes Kind auf die Welt gebracht und ohne jede Störung zur Reife herangewachsen zu sein. Eine Phantasmagorie aus der paradiesischen Urzeit – bevor der Mensch dem Fluch verfiel, «im Schweiße seines Angesichts sein Brot zu essen und in Mühsal den Dornenboden zu ackern und in Schmerzen zu gebären»? Und soll dieses Ausnahmewesen gar noch mit Christentum zu tun haben, worin sich der Fluch des Leidens doch nur auflöst durch das tiefere Segensleid Gottes? Aber sind wir, christlich wie weltlich betrachtet, nicht unterwegs zwischen «Paradies» und «Himmel», stammen wir nicht aus Gott und gehen zu Gott, durch alle Wasser und Feuer von Zeit, Schmerz und Tod hindurch? Und warum sollen wir uns nicht mit der «Zauberflöte» einer ungeheuren Ahnung von Liebe, Licht und Herrlichkeit, von ewiger Wahrheit und Harmonie durch alle Dissonanzen des Daseins leiten lassen? Gibt es eine bessere, ja überhaupt eine andere Art, den Adel unserer Gotteskindschaft zu bekunden als diese stete Vergegenwärtigung, woher wir sind und wohin wir streben? Alle, die der Menschheit als Vorbild galten, haben es so zu halten versucht, und zunächst Derjenige, der sich als Sohn des Vaters wusste, der allzeit dessen Antlitz vor Augen hatte und dessen Willen vollbrachte. Mozart will schaffend und lebend sein Jünger sein, und er dient damit, dass er den Triumphgesang der ungefallenen und wiederauferstandenen Schöpfung hörbar macht, in dem (wie die Christen es vom Himmel glauben) Leid und Schuld nicht als ferne Erinnerung, als «Vergangenheit» vertreten sind, sondern als – überwundene, verziehene, durchklärte Gegenwart. Niemand kann deshalb – es sei Kierkegaard zum Trotz gesagt – bei Mozart das Fluidum eines süßen, unendlich jugendlichen Eros verkennen, durch alles hindurch ergossen wie ein starker, betörender Duft: das Cherubinhafte und, erwachsener, der federnde Gang des weißen Helden Don Giovanni und schließlich, überschweres Gewicht von Lust, der Klang zerbrechender Herzen in «Così fan tutte» und die langen kühlen Schatten der «Zauberflöte»: liegt nicht alles das auch und genau so in einem Wurf wie dem großen «Regina coeli» (KV 276), in den beiden Vespern, den Litaneien und Messen, in denen Mozart es nicht für nötig befand, seine Stimme zu verstellen und einen eigenen geistlichen Stil und Ton anzuschlagen; denn was soll verklärt werden, wenn nicht die Schöpfung, was erlöst werden und beten, wenn nicht die Natur, das Kind Gottes? Das ist nicht «barock», sondern einfach christlich. Aber wo bleibt das Sündenbekenntnis? Man wird wohl sagen müssen: für diesmal liegt es im Bekenntnis der Gnade. Und wo bleibt die Furcht vor dem Gericht? Für diesmal geborgen in der Hoffnung und Zuversicht auf Erlösung. Immerhin endet alles in die Schauer des Requiems: geheimnisvolles Fragment, mit dem die Stimme, die so viel gejubelt, zerbricht. Aber je weiter die Zeit geht, umso eindeutiger schwingt sie obenauf, über anderen Stimmen, die ebenbürtig schienen, aber nun zurückbleiben, verblassen, veralten, vielleicht als unecht hinsinken. Auf Mozart ist noch kein Stäubchen gefallen…