Hans Urs von Balthasar - Warum ich noch ein Christ bin - in Christ-Sein heute Zwei Plädoyers
Buch

Warum ich noch ein Christ bin

Das Buch vereint unter dem gemeinsamen Titel Christ-Sein heute je ein Plädoyer von Joseph Ratzinger und Hans Urs von Balthasar. Die beiden Vorträge haben die Autoren 1971 an der Katholischen Akademie in Bayern gehalten.
Auch wenn sich die beiden Theologen dem gemeinsamen Thema des «Christ-Seins» auf verschiedene Weise nähern, so treffen sich ihre Ausführungen doch an einem gemeinsamen Ziel- und Kristallisationspunkt: «Ich bin», bekennt der spätere Papst, «in der Kirche aus denselben Gründen, aus denen heraus ich überhaupt Christ bin», und das Wesen der Kirche ist, so Hans Urs von Balthasar, die Liebe der Christen verschiedenster Berufungen, die es wagt, sich an der Allmacht der Liebe Christi als dem Bruder der «Geringsten» zu orientieren. Und nur diese Liebe, die ihr Maß am Mitgehen Christi in die Extreme menschlicher Existenz nimmt, bedingt einen nackten Glauben, der die Glaubwürdigkeit der Kirche und des einzelnen Christen verbürgt.

Hans Urs von Balthasar
Warum ich noch ein Christ bin

1. Alpha
2. Die Herausforderung
3. Relative Einmaligkeiten
4. Das schlechthin Einmalige
5. Das eschatologische Schwergewicht. Seine Form
6. Das eschatologische Schwergewicht. Sein Inhalt
7. Die Zerstörung des eschatologischen Gleichgewichts

Joseph Ratzinger
Warum ich noch in der Kirche bin

1. Vorbesinnung auf die Lage der Kirche
2. Ein Bild für das Wesen der Kirche
3. Warum ich in der Kirche bleibe

Die echte personale Liebe ist wahrscheinlich seltener als man meint; obschon die meisten Menschen ihre Sphäre zu streifen meinen, sie vielleicht auch auf Augenblicke wirklich betreten. Sie dürfte so selten sein wie große Kunstwerke, die einsam aus der Fülle dessen herausragen, was sich auch als Kunst bezeichnet. Gemeint ist nicht die Fatalität der Leidenschaft, die, wie in Gottfrieds und wieder in Wagners Tristan und Isolde, die ganze Umwelt auf den absolutgesetzten Punkt bezieht und mit ihm zusammen auch dem Untergang überantwortet, sondern etwas, das viel schlichter sein kann und, um voll zu gelingen, wohl auch eine christliche Vorentscheidung erfordert: die Hingabe der ganzen Existenz an ein Du, in welchem der Liebende die Qualität des Absoluten und damit auch die Inklusion der gesamten Welt aufleuchten sieht. Solche Hingabe ist ein Wagnis, das zuletzt nur auf absolutes Wagnis hin riskiert werden kann: auf den Anruf Israels durch den erwählenden Gott, grundlos (Dt 7,7f) aus allen übrigen Völkern heraus, und den Anruf Jesu an diesen und keinen andern Menschen für seine Nachfolge. Der Glanz der liebenden Erwählung aus den Regionen des Göttlichen hebt das in der Gattung verborgene Individuum in die Einmaligkeit der Person. Der Eros kann in dieser endgültigen Erkennung zweier Liebenden nicht nur die erste Zündung geben, sondern bis zuletzt mitwandern, wenn er sich läutern lässt bis in Verklärungen jenseits seiner selbst: Dante und Beatrice, Hölderlin und Diotima, Claudels «Seidener Schuh», Teilhards Hymne an Beatrix. Doch welch reine Spur schon in der Alkestis des Euripides: stellvertretendes Sterben der Gattin für den Gatten, der aber beim Abschied weiß: er wird «auf Erden hinfort ein verlorenes Leben dahinleben» (Z 242f), «denn stirbst Du, lebe auch ich nicht mehr: bei Dir ist Leben und Tod für mich, denn heilig ist mir Deine Liebe» (Z 277-279). Solowjew hat in «Der Sinn der Geschlechterliebe» (1892-1894) das Unüberholbare, durch keine List der Vernunft Erklärbare solcher Liebe gefeiert. Sie bleibt in den Augen der Welt Torheit, weil der Lebensstrom weiterfließt (Hofmannsthal hat die immanente «Weisheit» dieser «Untreue» mehrfach geschildert), sie stellt sich bewusst und starrköpfig quer zu den geltenden Lebensgesetzen, sie deutet sich selber irgendwie eschatologisch: inmitten der Zeitlichkeit ist für diese Liebe nicht nur ein «Augenblick» Ewigkeit aufgeleuchtet, sondern eine dauernd gelebte Treue hat sich dauernd über die Immanenz aufgeschwungen. [23f.]