Hans Urs von Balthasar - Sponsa Verbi - Skizzen zur Theologie II
Buch

Sponsa Verbi. Skizzen zur Theologie II

Der zweite Band der «Theologischen Skizzen» «Sponsa Verbi» fragt ausdrücklich: «Wer ist die Kirche?» Für das Kerngeheimnis lautet die Antwort: sie ist die Einheit derjenigen, die um das unbefleckte, daher grenzenlose, daher durch Gnade christusförmige Jawort Marias geschart und, durch es geformt, bereit sind, den Heilswillen Gottes an sich und für alle Brüder geschehen zu lassen.

Dieser Urakt heißt «Hören des Wortes». Wo und soweit der Grundakt des Hörens (als Glaube, Liebe, Gehorsam, bräutliche Treue) erfolgt, ist geistliche Kirche. Wo Kirche ihn verfehlt, wird auch sie «Hure Jerusalem» («Casta Meretrix»). Gesamtmenschliches, leibseelisches Empfangen des Wortes fordert Einheit von Wort und Sakrament («Schauen, Glauben, Essen»). Die institutionellen Aspekte der Kirche sind um dieses Aktes willen da und empfangen ihre Sinngestalt von ihm her («Nachfolge und Amt»; «Priesterliche Existenz»).

Von der kirchlich-marianischen Spiritualität her, die eins ist mit dem liebend-hoffenden Glauben, darf und muss der Blick hinschweifen zur Auslegung dieser Fülle in den unendlichen Fächer der «Charismen» oder «Sendungen» oder «Spiritualitäten». Die untrennbare Einheit von «Charis und Charisma», heiligender Gnade und Heiligungsauftrag, war zunächst, entgegen der nur partiell vertretbaren überlieferten Meinung ihrer Trennbarkeit, zu erweisen; dass und wie sie in einer neuen Form des geweihten Lebens verwirklicht werden könnte, wird «Zur Theologie der Säkularinstitute» zu zeigen versuchen.

I
Kirchenerfahrung dieser Zeit
Fides Christi
Nachfolge und Amt
Wer ist die Kirche?
Casta Meretrix
Die Wurzel Jesse

II
Charis und Charisma
Der Laie in der Kirche
Philosophie, Christentum, Mönchtum
Priesterliche Existenz
Zur Theologie der Säkularinstitute

III
Liturgie und Ehrfurcht
Sehen, Hören und Lesen im Raum der Kirche
Schauen, Glauben, Essen
Eucharistischer Kongress 1960

Philo-sophie, Liebe zur Weisheit ist, wie das Wort sagt, ein Liebesakt. Der wahre Philosoph liebt dabei nicht sein eigenes Erkennen – das für den sündigen Menschen sich in eine Sucht wandeln kann –, sondern die Sache selbst: das Mysterium des Seins, das in allem Seienden sich verhüllend enthüllt. Zu ihm hin entbrennt sein Herz, zu ihm hin hat er Zeit, Muße, Leere (otium, vacare). Er versteht: nur im Zeithaben für das Überzeitliche gewinnt er selber Teilhabe daran. Nur in einem schmerzvollen Opfer und Verzicht auf die in Bande schlagende Vielfalt und Zudringlichkeit der Einzeldinge, die der Zeitstrom mitfortreißt, taucht vor dem Geist die Sonne der Wirklichkeit, der «Idee» empor. Christlich hat sich die Sonne Gottes im demütigen, verzichtenden Herzen Jesu Christi geoffenbart, und nun dürfen die Glaubenden in diesem durch Demut und Verdemütigung gesänfteten und eingeebneten Herzen das Licht des Seins selber betrachten, wenn sie «Ein-fältige» geworden sind (Mt 11, 25. 29), «ausgeräumte Herzen» haben und «arm im Geiste» sind, um «Gott zu schauen» (Mt 5, 3. 8), wenn sie das «einsförmige» Auge besitzen, dem das Licht des Einen alles bestrahlt (Mt 6, 22; Lk 11, 34).

Dem christlich ein-fältigen Herzen ist das Formalobjekt der Theologie: das Geheimnis Gottes in seiner göttlichen Tiefe, wie es sich in Jesus Christus offenbart, zugestaltet. Diese beiden wollen und müssen miteinander allein sein. Das ist das Evangelium vom Einen Notwendigen. Nicht einfachhin «der Glaube» wird so bezeichnet, nicht einfachhin das «Hören des Wortes Gottes», auch nicht einfachhin «die Liebe», die bei Christus ausharrt, während die Schwester sich mit vielem zu schaffen macht, sondern, durch all das ermöglicht, aber über all das hinaus das reine Zueinander von Gott und Mensch, das Sein füreinander, das Sichspiegeln ineinander. Das ist auch durchaus mehr als was im Evangelium gewöhnlich «Gebet» heißt: Reden des Menschen mit Gott, indem er seine Not, sein Bedürfnis, seine Gottesverehrung vor ihm ausbreitet. Es ist jenseits davon ein Sein für Gottes Sein. Für die weltliche Philosophie kann es naheliegen, dieses Sein über allen (dem Seienden zugestalteten) Einzelakten als eine Tatlosigkeit oder reine Passivität zu beschreiben, und auch im christlichen Raum haben manche die Kontemplation immer wieder so missverstanden. Aber Maria von Bethanien ist nicht «leer», sie hängt mit allen Fibern ihres Herzens am Munde des Wortes, sie lauscht und vernimmt mit ihrem ganzen Wesen, sie ist, in Glaube und Liebe, aufnehmende Fülle für die sich ergießende Fülle Gottes.

Weil der sich ihr offenbarende Gott die ewige Liebe selbst ist, ist die Bereitschaft ihres Herzens über alle Akte der Liebe hinaus gleichfalls substantielle Liebe, die sie aus der Endlichkeit einzelner Akte in ihre ganze Substanz hinübergegossen hat. Darum ist die christliche Kontemplation nicht nur wie die natürliche: Staunen und Ekstasis ob des Wunders des Seins, sie ist wirklich selber Gebet, der Urakt des Gebetes, von dem alle Einzelakte nur Abstrahlungen sein können.

Aus: «Philosophie, Christentum, Mönchtum», 380