Adrienne von Speyr - Sie folgten seinem Ruf - Berufung und Askese
Buch

Sie folgten seinem Ruf

Das kleine Buch ist nur recht verständlich, wenn man hinter alle Verbrauchtheit des Wortes Askese und Asket zurückgeht in jene christlichen Ursprünge, da Menschen zum erstenmal versuchten, sich ganz und ungeteilt in den Dienst und in die Nachfolge des Wortes Gottes zu stellen. Man wird es ihm dann nicht verargen, dass es, zumal in seinem ersten Teil, asketisches Leben als Leben im Ruf zu ungeteiltem Dienst versteht, also Leben in der Formgebung der drei evangelischen Räte, und zu Beginn den jungen Menschen sehr ernst und sehr mütterlich durch die schwierige Zeit hindurch begleitet, die vom Erwachen des Rufes in der Seele zum großen Entschluss und zu seiner Verwirklichung führt. Jede Phase hat ihre besondere Form der Askese; das Wort hier immer im christlichen Sinn einer die Gesamtexistenz des glaubenden Menschen anfordernden, ganz aus dem rufenden Wort Gottes stammenden Wirklichkeit verstanden, niemals als Summe besonderer «Werke» und «Leistungen», obwohl der Ruf zum asketischen Leben immer auch ein Ruf zur Tat ist.
Der Weg, den Adrienne von Speyr hier beschreitet, ist der Weg, der durch Totalität überzeugen will. Wer das Ganze, das überwältigend Ganze im Auge behält, kann sich nicht mehr um eines Einzelnen willen verweigern. Das Ganze des Christentums ist so beglückend, dass in seinem Namen auch die Härte der Askese gefordert werden kann. Nur weil er alles gibt, ein göttliches Alles, fordert Christus; verlangt er vom Glaubenden das kleine menschliche Alles. Das Buch will auf diese Totalität hin gelesen und gedeutet sein.

Aus dem Geleitwort von Hans Urs von Balthasar

Geleitwort von Hans Urs von Balthasar

Von der Antwort auf Gottes Ruf
Von den Opfern der Entscheidung
Von der Zeit der Wahl
Von der Entfremdung seiner selbst durch die Regel
Von der Armut
Vom Gehorsam
Von der Jungfräulichkeit
Von Glaube, Gebet und Sakrament
Vom Lesen der Heiligen Schrift
Vom Nächsten
Von der kirchlichen Liebe

Gott ruft, und der Mensch hat zu hören. Das Ohr, das Gott der Vater dem Menschen geschenkt hat, ist fähig, den von Gott ausgehenden Ruf aufzufangen. Aber es scheint immer wieder ein langer Weg zu sein vom Ohr bis zum Willen, bis zur Liebe. Gott ruft in der Schrift, Gott ruft in der Predigt, Gott ruft auch in jedem Gebet. Es gibt kein echt gebetetes Gebet, in dem kein Ruf erklänge. Es mag das Vaterunser oder das Ave Maria sein oder ein selbstersonnenes Gebet: im Hintergrund ist Gottes Stimme. Kein Gebet kann gesprochen werden, ohne dass der Mensch sich bewusst wird: Gatt ruft. Ich darf beten und glauben, hoffen und lieben, weil Gott ruft, weil seine Stimme nicht verstummen kann, weil Gott jedem einzelnen Menschen etwas Besonderes sagen will. Und er wird nicht müde, die alte Aussage immer neu zu wiederholen, durch alle Jahrhunderte hindurch sich an die Menschen zu wenden und ihnen von seinen eigenen Anliegen zu berichten, von seinem Willen, Nachfolge zu finden. Dass der Sohn Gottes Mensch wurde, klein und nackt und hilflos, dass er unter uns gelebt hat als einer unter den Ungezählten, das war schon die äußerste Form von Gottes Ruf. Er erniedrigte sich so tief, um zu zeigen, wie groß die Anliegen Gottes sind, um darzulegen, wie nötig die Antwort darauf ist, wie wenig er allein bleiben möchte. Er hat alles allein getragen, auch das Kreuz, in der Einsamkeit. Aber sein Alleinsein und seine Verlassenheit bezeugen nur lauter seinen Ruf. Sie sind Ausdruck seiner an die Menschen gewendeten Liebe. Nicht nur der Liebe, die trägt, auch der Liebe, die braucht. Nicht nur der Liebe, die sich hinverschwendet, auch der Liebe, die ohne die Verschwendung der andern nicht sein kann.

Sobald er gehört hat, dass er gerufen ist, muss er genau in der Haltung des Gerufenen verharren. Seine Erziehung wird durch Gott selber in die Hand genommen; für seine Erprobung ist keine Zeit im voraus festgelegt. Auf jeden Fall wird er anders werden müssen, anders zu antworten haben, seine Bereitschaft darf deshalb in keiner Beziehung festgelegt sein. So hat Maria ihr Jawort gesprochen: als eine, die immerdar in der Haltung des Ja bleiben will, auch wenn die Forderung sich verändert, auch wenn Enttäuschungen und Rückschläge kommen. Das Ja geht in ein lang-nachhallendes Echo über, wird ununterbrochen wiederholt; und hätte der Mensch nicht mehr selber die Kraft dazu – obwohl er treu geblieben ist – so schenkt Gott ihm das Ja zu seinem Anruf hinzu, vielleicht in der Verdemütigung des Menschen, der nun weiß, dass sein Ja ganz von Gott übernommen wurde; vielleicht auch in einer schlichten, dem Menschen unbekannt bleibenden Übernahme der Antwort.

Aus: «Von der Antwort auf Gottes Ruf», 9ff.