Adrienne von Speyr - Arzt und Patient
Buch

Arzt und Patient

Adrienne von Speyr hat als Ärztin jahrzehntelang Aufzeichnungen für ein von ihr geplantes Buch über die Ethik des Arztes gemacht, fand aber wegen zunehmender Krankheit nicht mehr die Zeit und Kraft, das Werk abzurunden. Der Herausgeber hat aus der Menge der Notizen und zum Teil auch aus diktierten Stücken die ausgewählt, die das Grundanliegen der Autorin enthalten. Sie umkreisen drei Zentren: die Einführung des Medizinstudenten in die rechte ärztliche Grundhaltung, das menschliche Verhältnis des Arztes zu seinem Patienten und die Frage nach der medizinischen Wahrheit. Auch in einem von der Autorin fertiggestellten Werk wären diese Fragen Mittelpunkt ihrer Ausführungen gewesen.

Vorwort von Hans Urs von Balthasar

I. Medizinstudium
1. Die Anfänge
Gegenwart und Zukunft
Erste persönliche Einstellung
Begegnung mit dem Körper
2. Das klinische Studium
Schwierige Atmosphäre
Die Spitalhierarchie
Entpersönlichung des Patienten
Der Student

II. Praxis
1. Einrichtung
Neues Verhältnis zum Patienten
2. Umgang mit Kollegen
Indirekte Verhältnisse
Das direkte Verhältnis
3. Berufsgeheimnis
Das Gesetz
Ich-Er, Ich-Du
4. Befruchtende Literatur
III. Gesund und krank
1. Problematik der Gesundheit
Vertrauen
Das Verhalten des Arztes
2. Problematik der Wahrheit
Ihre Aspekte
Bilder aus der Sprechstunde

IV. Der christliche Arzt
Die Schrift
Verantwortung
Einfluß der Weltanschauung des Arztes
Zugänge zur Kirche hin
Der Arzt und der Priester
Ein Buch Paul Tourniers
Ein Roman Gotthelfs
Gebet und Betrachtung des Arztes
Der kranke Arzt
Der Arzt und Christus

V. Verstreute Aufzeichnungen

Zwei Dinge machen den Arztberuf aus. Einmal die Wissenschaft, die sich mit der Krankheit befaßt und die Wege zu ihrer Heilung kennt. Dann der kranke Mensch, der mit seiner menschlichen Not zum Arzt kommt und von ihm eine bestimmte Form der Mitmenschlichkeit erwartet.

Zumeist kommt ein Patient zum Arzt, der selber über seine Krankheit berichtet; durch seine subjektiven Angaben hindurch muß der Arzt zu einer sachlichen Diagnose gelangen. Und das ist nicht das einzige, was er leisten muß. Er hat den Patienten, der ihm etwas aus seinem Leben anvertraut hat, als diesen einmaligen Menschen zu nehmen, der vielleicht mehr als die rasche Behebung eines vereinzelten Schadens von ihm erwartet, nämlich irgendwie die Heilung von allem, was in ihm nicht heil ist: seiner ganzen konstitutionellen Schwäche, die ihn zu seiner besondern Krankheit prädisponiert, ihn dazu geführt hat, einen Selbstmordversuch zu machen, oder dieses Mangels an Energie, der ihn an einer vernünftigen Lebensweise hindert, seiner persönlichen Probleme, die ihm schlaflose Nächte bereiten.

Das erste Verhältnis des Arztes zum Kranken ist das eines Ich-und-Er, das zweite das eines Ich-und-Du.

Um zu diesem Du hinzugelangen, kann sich der Arzt nicht nur auf die Aussagen des Patienten stützen, er muß Elemente seines eigenen Ich mobilisieren, dem andern eine Heimstätte bei sich bereiten. Er muß sich Zeit nehmen, sich mit den Problemen des andern, der sich ihm überantwortet, zu befassen. Er muß eine Kontemplation des Du vornehmen, und dies innerhalb seiner eigenen Lebensauffassung. Wo der Patient ein Recht auf die Persönlichkeit des Arztes hat, hat dieser die Pflicht, seinen Patienten ebenfalls so persönlich zu nehmen, wie er ist.

Aus: «Ich-Er, Ich-Du», 38